Wie die Faust aufs Auge des Hais

Gerne würde ich mein erworbenes Lexikon-Wissen in die Tat umsetzen, böte sich mir eine Gelegenheit. Das Leben ist eine Schule und auch ich drücke die harte Bank der Wissensgesellschaft. Die eine oder andere Lektion verstaubt jedoch ungenutzt zwischen den Synapsen und verkümmert hinter den heute brauchbaren Kulturtechniken, wie etwa der Jpeg-Komprimierung und der PDF-Konvertierung. Ich weiß aber ebenso, wie man ohne Streichholz, Feuerzeug und Schneidbrenner Feuer im Wald machen kann. Wie man einen Haiangriff abwehrt, weiß ich auch.

Lieber Herrpunkt, da sei aber mal bitte froh, dass das ja theoretisch bleiben wird.

Lieber konstruierter Gesprächspartner, klar bin ich das. Jedoch zwickt bisweilen in diesem fetten Wohlstandsarsch hier der Wunsch, „mal wieder“ ein gefahrenvolles Abenteuer zu bestehen. Von Angesicht zu Angesicht mit einer wilden Bestie seinen Mann zu stehen.
Wenn ich des Nachts in meinem Kämmerlein bei Funzel und Füllfederhalter dasitze, die Rechnungen aus der Ablage nehme und seufzend wieder zurücklege, erträume ich mir aus der darbenden Zimmerpflanze einen wilden, blühenden Dschungel. Mit Tigern mit Streifen mit Fauchen im Farn. In der Ferne höre ich eine Trommel. Zwischen den Urwaldriesen erschnuppere ich den Geruch eines Feuers. Menschen! Lautlos schleiche ich mich an und… schlitze die 1. Mahnung DIN-gerecht auf.

Auch wenn mein Intellekt teilzeitlich wie meine Zimmerpflanze im Winter verkümmert, meine ich doch in letzter Zeit irgendwo gelesen zu haben, dass Schopenhauer irgendwie meinte, dass die Menschen zwischen den Übeln Not und Langweile pendeln. Wir als Wohlstandsgesellschaft schlagen da natürlich steil in Richtung Langweile aus. Verifizier ich dir, Alter! Friss das Fernsehprogramm als Beweis!
Auch Michael Crichton, Autor von Jurassic Park und sonst nicht unbedingt der Philiosophie verdächtig, bringt das in Timelime schön auf den Punkt, in dem er eine Figur etwas sagen lässt, das ich hier sinngemäß wiedergebe: Die Not des Menschens im 21. Jahrhundert wird die Langweile sein.
Ich setze mich ins gemachte Gedankennest und lasse das mal so stehen.

Um zur derzeitigen, wirklichen Not des Menschen zu kommen. Es tobt gerade eine fürchterliche Debatte, die erschreckende Geisteshaltungen zum Vorschein bringt. Speerspitze der Diskussion ist unser allseits beliebter (Ironie!) Außenminister (Ironie der Demokratie!) Guido Westerwelle, der die Hartz-IV-Sätze für zu hoch hält.
Erschreckend ist, wie pauschalisiert diese Debatte vonstatten geht. Die überladene Begrifflichkeit „Hartz-IV-Empfänger“ wird mit allerlei Zahlen in den Kampf Wirtschaftlichkeit gegen Sozialstaat geschickt. Ich schwanke zwischen Wut, Betroffenheit und Trauer, welche Maßstäbe da an die Würde des Menschen gelegt werden. Ich selber bin nicht hilfsbedürftig, jedoch aufgrund meiner persönlichen Ausbildung derzeit etwas unterfinanziert. Formulare, Anträge und Gesuche kenne ich inzwischen gut und kann mir vorstellen, welchen Frust es bringt und was für eine Erniedrigung so ein von Behörden Gnaden abhängiges Leben sein muss. Ich weiß, dass auf einen Schmarotzer zehn Menschenschicksale kommen, auf einen Abzocker zehn Menschen, die in unserer Arbeitsgesellschaft nie einen Platz finden können, weil es in unserer Gesellschaft keinen Platz für diese Menschen gibt.
Ich frage mich, ob man den Menschen in den Politiker reinprügeln, oder den Politiker aus dem Menschen herausprügeln sollte.
Einem echten Hai jedenfalls könnte man zu Abwehr jedenfalls ordentlich die Fresse polieren. Aber Vorsicht! Denn was Sie jetzt unbedingt wissen sollten: Einen Haiangriff wehrt man übrigens damit ab, dass man dem Hai auf die Augen oder die Kiemen schlägt. Die Schnauze ist da wohl die schlechtere Wahl, sagen Fachleute, die sich mit solchen Themen herumschlagen müssen. Ich selber bin eher der etwas ängstlichere Typ und würde wohl kaum fröhlich „Hallo“ zu einem Hai sagen.

Was Sie aber jetzt noch erfahren sollten: Diesen Beitrag habe ich exklusiv im Stehen verfasst, weil mir der Rücken etwas weh tut vom vielen Sitzen heute.

1 Kommentar

  1. Wäre ich damit beauftragt, ein Wort zum Sonntag zu verfassen, würde ich jetzt Dinge sagen wie die, dass das Pendeln ja aber auch Bewegung bedeutet, die Bewegung zwischen Not und Langeweile ist die Essenz das Leben, und würde man nicht pendeln, würde man stillstehen, und es ist nicht klar, dass zwischen Not und Langeweile, in diesem Scheitelpunkt, das Glück liegt.
    Solche Sachen sagen die da. Aber ich halte mich lieber an deine Worte. Zuversichtlich stimmt mich, dass bei Dir noch Mahnungen aufgeschlitzt werden. Die größte Not ist da, wenn sie einfach weggelegt werden (welch Abenteuer einem da entgehen!).

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