Professor Zweiholtz

Lose Fortsetzung der Odyssee.

„Extrablatt! Extrablatt! Professor Zweiholtz entführt! Extrablatt!“ Der Zeitungsjunge drängelte sich durch den belebten Bürgersteig und stoppte kurz bei uns. „Extrablatt?“ Fragte er vorwitzig.
„Hier. Und kauf dir vom Rest eine Schirmmütze. Kein Zeitungsjunge sollte barhäuptig rumlaufen“. Bennit drückte ihm eine Goldmark in die Hand.
„Vielen Dank Herr. Ich werde sparen und einmal ganz reich werden, ein Millionär“. Träume glitzerten in den kleinen Augen.
„Spätestens wenn die Inflation kommt“, bemerkte Daniel beim Überfliegen des Blattes. Unverständnis starrte aus den kleinen Augen.
„Junge, wenn ich dir einen Rat geben darf. Versuch es lieber mal mit Tellerwaschen.“ Dankbarkeit strahlte aus den kleinen Augen, Bennit an.
„Sie sind ein feiner Herr“, sagte er entschieden und verschwand wieder im Getümmel. „Extrablatt! Extrablatt…“.
Wir waren auf dem Weg nach Rio de Janeiro und hatten uns verfahren. Meine Schuld als Navigator. Ich hatte die Karte falsch herum gehalten und statt durch den Raum, waren wir durch die Zeit gereist. Das gab uns die Gelegenheit, die Stadt Ulm im Jahre 1901 kennen zu lernen. Hübsch ja, aber jetzt saßen wir auch ganz dick in der Patsche. Wir mussten Professor Zweiholtz befreien. Seine „Unrelativitätstheorie der vierdimensionalen Konstante“,die er auf Toilettenpapier entwickelt hatte, war die Grundlage unserer Zeit-und-Raum-Karte. Wenn er weiterhin verschwunden blieb, könnte er die Theorie nicht vollenden und wir wären aufgeschmissen. Kleine Tipps für andere Zeitreisende am Rande: Die zwei-drei Dutzend auftretenden Paradoxa verdaut man am besten in einer zeitüblichen Kneipe bei frischem Weizenbier. Die anfangs witzig erscheinende Idee seinen eigenen Großvater umzubringen, verfliegt dann übrigens auch. Aspirin für den nächsten Morgen ist – je nach Jahrhundert natürlich – unbedingt selbst mitzubringen.
„Professor Zweiholtz wurde gestern abend in seinem Landhaus von drei maskierten Männern entführt. Seine Haushälterin fand einen schmierigen Butterbrotpapierzettel vor, auf dem nur folgendes stand: „Haha. Gezeichnet, die Ömmelpulanten„. Daniel fasste den Inhalt zusammen.
„Sehr mysteriös“. Mir kam das Wort „Ömmelpulanten“ verdammt bekannt vor. Bennit gluckste.
„Ihr Ömmelpulanten“, brachte er zwischen erstickten Lachanfällen hervor.
Daniel blickte fragend durch sein glasleeres Brillengestell. Er hatte sich bei einem fliegenden Händler eine „Brille-mit-der-man-die-Welt-so-sieht-wie-sie-sein-soll“ gekauft. Bennit und ich argwöhnten, dass ihn der dann ganz schnell weiterfliegende Händler übers Ohr gehauen hatte. Die Brille brachte beim Durchschauen keinerlei Veränderung. Daniel erklärte sich das philosophisch. Die Welt war nun mal so, wie sie sein soll. Außerdem stand ihm die Brille.
„Ömmelpulanten, das ist doch dein Lieblingsschimpfwort?“ Mir dämmerte da was, aber eher eine trübe Funzel im Hinterkopf, denn eine Erleuchtung im Stammhirn.
„Bingo!“ Bennit strahlte. Er kam anscheinend mit Zeitquetschungen und Raumzerrungen sehr viel besser zurecht.
„Klär uns auf“, verlangte Daniel ungeduldig. Ich packte mein Butterbrot aus.
„Wir haben Professor Zweiholtz entführt, damit er seine Theorie aufschreibt, beziehungsweise werden wir ihn entführt haben… Ach, man bräuchte ein „Grammatikbuch für Zeitreisende“.
„Äh ja? Und wo ist der Professor jetzt?“ Ich faltete das Butterbrotpapier und steckte es in die Tasche.
„Wahrscheinlich in unserem Wohnmobil“, meinte Daniel stolz, etwas zur Aufklärung beitragen zu können.
„Gut. Dann holen wir uns die Theorie, reisen damit ein Tag zurück und entführen den Professor. Klar?“
„Klar!“ Sagten Daniel und ich synchron. Klar wie Kloßbrühe – trüb. Aber es kann auch schlimmer kommen. Es gibt eine Geschichte von einem Zeitreisenden, der sich in seine eigene Urgroßmutter verliebt hatte. Da wird die Freud’sche ödipale Phase zum U(h)rkonflikt. Ich gab dem Oberömmelpulant das Butterbrotpapier. Der grinste. Ja, mit Heiterkeit zeitreisen und für die Folgen frisches Weizenbier.

5 Kommentare

  1. Oh je, da haben sich die Freunde ja ganz schön was eingebrockt. Ich bin erfreut, dass das wohl eine Fortsetzungsgeschichte wird.

  2. juf

    Aspirin kann man selbst mitbringen. Aber es empfiehlt sich dennoch eine Zeitreisekrankenversicherung abzuschließen. Für schlimmere Krankheiten als Kopfweh.

  3. Ich bitte um weitherzige Vergebung für meine unbedachte Rede im vorangegangenen Kommentarfeld.
    Dies ist auch eine schöne Geschichte, jawoll.
    Bin sehr gespannt auf die Lovestory mit der Uromi.

  4. .markus

    @Sebastian: Ich bin erfreut, dass du erfreut bist. Es wird, denke ich, in dieser losen Reihe fortgesetzt, für eine festere Form fehlt (noch) der rote Faden.

    @juf: Der ADAC fliegt einen dann heim (zeitlich)?

    @Cara: Hm. Die Lovestory mit der Uromi bleibt wohl eine Fußnote. Aber eine Liebesgeschichte, eine Liebesgeschichte von Zeitreisenden. Ich glaube da kommen mir schon die Ideen…

  5. Pingback: In Islamabad - blog.argwohnheim

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