Odyssee

Der Fahrtwind rauschte. Das Radio laut. Das Leben unterdrückt. Ich bin unterwegs. Ein Gefühl, dass alle anderen erst abschalten muss, wie bei einer Meditation. Ein Gedanke, der Start und Ziel vergisst. Etwas, das in dem Moment erwacht, wenn man den Halt in der Bewegung findet. Der Wunsch niemals anzuhalten. Solche Gefühle sollte man kultivieren, denkt man. Dann rastet der Alltag wieder ein und die Zahnräder drehen sich weiter. Die Fahrt beginnt einen zu langweilen.
„Pinkelpause“, sagte Daniel und drehte das Radio leiser. In der 1,5 Liter-Colaflasche schwappte der letzte Schluck.
8 Kilometer, sagte das Schild. Noch 8 Kilometer, rief ich zu Bennit, der hinten saß.
„Blasenplatzen in fünf Minuten“, rief er von der Hinterbank des Wohnmobils zurück
„Armleuchter!“
„Ha! Majestätsbeleidigung. Ich befehle euch sofort anzuhalten.“
„Kronleuchter“, sagte Daniel. Ich hielt den Moment in 1024 x 768 Pixel fest. Dann war die Batterie leer. Daniel lenkte das Mobil auf einen Rastplatz.
Wir fraternisierten uns mit einem Familienvater und schwatzten ihm Proviant ab. Ich kaute auf seinem Butterbrot, er rauchte meine Zigarette. Bennit flirtete mit seiner Tochter. Daniel hüpfte sich im Hintergrund die müden Beine wach.
„Wo fahrt ihr denn hin?“ Wollte der Mann wissen.
„Nach Rio de Janeiro“, sagte Bennit munter.
„Hahaha. Ihr seit lustige Vögel. Ist das nicht ein bisschen weit?“
„Keineswegs“, meinte Bennit todernst. „Nur das Meer bereitet mir ein wenig Sorgen. Daniel kann nicht schwimmen“.
„Das lerne ich bis dahin noch. Wir haben ja Zeit“. Daniel kam auf einem Bein angehupft, sowie gesprungen.
„Hahaha. Was macht ihr denn so – ähm – beruflich.“
„Das ist eine wirklich gute Frage“, warf ich ein.
„Jaaha?“. Der Mann dehnte das Wort vorsichtig, als ob es reißen könnte.
„Sattelt die Taschen, es geht weiter“, rief Bennit und klatschte auffordernd in die Hände.
„Tut mir leid. Wir müssen los“, sagte ich dem Mann. „Pass auf deine Familie auf, sie ist das Schönste, das ein Mensch auf der Welt haben kann“. Bennit warf der Tochter einen Handkuss zu. Wir brausten weiter.
„Wir fahren nach Rio de Janeiro?!“ Daniel schien sauer zu sein.
„Warum nicht? In Islamabad können wir uns nicht mehr blicken lassen, seit dem du den fliegenden Teppich im Mittelmeer versenkt hast“, warf ihm Bennit vor
„Nein, du hast die Tochter des Sultans geschwängert und wir sind mit dem Teppich geflohen“. Daniel schlug wütend aufs Lenkrad. Die Hupe krächzte.
„Sie hat mich verführt“.
„Wir sind unterwegs“, sagte ich besänftigend und glücklich. Der Moment war wieder da. Die Welt bestand aus grünen Streifen und wir fuhren auf einer grauweißen Schliere. Die Abendsonne blinzelte. Ach, die wunderbare Sonne. Auch sie ist nicht so, wie sie scheint.

3 Kommentare

  1. Fred

    Unterwegs sein…
    Rumsitzen und stagnieren ist der Geist dieser Gesellschaft und ich befürchte ich bin besessen.

  2. Pingback: Professor Zweiholtz - blog.argwohnheim

  3. Pingback: In Islamabad - blog.argwohnheim

Kommentare sind geschlossen.