Kategorie: Fiktion


People Are Strange

16. Februar 2010 - 23:25 Uhr

Bodensee, Nordküste. Der Wind fläzte sich durch die Bäume. Träge und warm strich er über die Haare. Wir saßen mal wieder an der Promenade.
“Haste mal ‘ne Mark?” Franz erntete stolz die verstörten Blicke der Touristen, wie ein Bauer den Weizen. Mit Hut sah er wie jemand aus, der wie jemand aussehen wollte. Heute trug er den grauen. Opas Sonntag hatte ich ihn getauft. Schützt vor Sonne und fliehenden Gedanken, meinte Franz und tippte sich beflissen an den Hut, und eine Frisur brauchste auch nicht.
Die mobilen Kommunikationsmaschinen schwiegen. Die Wellen klatschen unbepiept gegen den Kai. Möwen rundeten das akkustische Panorama ab.
“Qualifizierungsprozesse”, rief ich in das Soundidyll.
“Differenzierung der operativen Abbildsysteme im Rahmen der Handlungsregulation”, parolierte Franz zackig.
Möwen stürzten sich auf ein gefallenenes Käsebrötchen. Der Besitzer blieb kurz stehen. Betreten. Dann ging er weiter.
“Hast du auch manchmal Angst?” Fragte ich Franz leise. Er nickte, schwieg ungewohnterweise aber. Wir blickten auf das Schweizer Ufer. Zu nah und zu vertraut, um eine Projektionsfläche für Träume zu sein.
Etwas später hörte ich seine Stimme, abwesend, nachdenklich sagen. “Ich habe höllisch Angst davor einmal aufzuwachen und dann nur noch den Schatten im weißen Raum zu begegnen. Mit einer Maske die verbliebene Restwürde durch den Alltag zu schleppen. Und ich habe verflucht Angst davor, das für Leben zu halten.”

Für Freddy, Fred, Jim & Florian (der Schuld sein könnte, dass ich hier wieder etwas mehr schreibe)

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Ich konnte nicht schlafen

21. August 2009 - 22:07 Uhr

Geplagt mit einer Schlaflosigkeit von Proust’schem Ausmaß, flankiert von Angriffen heimtückischer Mücken suchte ich mir Hose und Hemd, verließ das Haus und ging in die Nacht. Trotz jugendlicher Arroganz dem eigenen Schlafbedürfnis gegenüber, finde ich, dass man Betten und Schlafen durchaus mit allerlei netten Adjektiven bedenken sollte. Wider den Unkenrufen, dass man auch schlafen könne, wenn man tot sei. Ich habe diesbezüglich nur wenig Erfahrungswerte, glaube aber, dass das Totsein als Betätigung nur wenige Nebenbeschäftigungen zulässt. Abgesehen von dem Rotieren im Grabe, dass bei prominenten Personen und Persönlichkeiten wohl schon beim Verfassen der Nachrufe eintreten könnte. Möglicherweise würde sich so sämtliche Energieprobleme der Welt lösen lassen. Den Bewegungsmoment vergangener, zukunftsbedachter Menschen in Strom umwandeln. Im von ruhelosen Gedankenarchitekten angetriebenen Lampenlicht ein gutes Buch lesen oder sich mit 2.500 Watt gescheitertem Idealismus ein Spiegelei braten. Marx rotier schneller, du Sau - das Ei wird wieder kalt! Warum man die Idee aber wieder begraben - kontextsensitive Ververbisierung! - kann, ist klar, zu schwierig ist die Umsetzung aus der Sprichwörtlichkeit.

Es ist die Dunkelheit, die einem beim nächtlichen Wandern weich aus dem Bett in die Nacht trägt. Ich liebe diese Zeitlosigkeit im sonst so genau getakteten Leben. Allein. Einsamkeit ist scheiße. Das bringt es auf den Punkt. Undrastischer kann man es wohl auch nicht ausdrücken. Alleinsein dagegen ist in Ordnung. Manchen Momenten genügt es, wenn nur die Gedanken Begleiter der Füße sind.
Die Straßenlaternen waren schon lange aus. In der Ferne blinkte unermüdlich ein Wetterleuchten, wie das Flackern einer Neonwerbetafel in amerikanischen Spielfilmen nach 22:30 Uhr auf Kabel 1. Dunkle Mais- und Weizenfelder, in der Ferne zerfahren von Lichtkegeln. Der auf Anschlag hochgedrehte Motor heimkehrender Großraumdiscobesucher. Weit weg. Das Rascheln von Tieren in den Feldern. Ganz nah.
Wer an der kleinen Straße, die nur in den Wald führt, damals eine Bank aufgestellt hatte, wussten wir nicht, nutzten früher aber gerne die Möglichkeit auf ein nächtliches Brauereierzeugnis vorbeizukommen. Hier rauchten wir unsere ersten selbstgedrehten Zigaretten.
Meine Füße trugen mich weiter am Weg entlang, vorbei an den „Sieben Tannen“, benannt nach den Bäumen, die in dieser Anzahl nie dort gestanden hatten. Wer sich damals verzählt hatte, ist heute aber nicht mehr verbürgt. Im Laufe der Jahre wurde jedoch einer nach dem anderen gefällt, bis nur noch eine Zwillingsfichte, um es mal biologisch präzise zu klassifizieren, das Feld „säumte“.
Wer die Angst verliert, verliert auch den Mut. Er wird eben nicht mehr gebraucht. Der dunkle Wald hat sehr viel an Schrecken für mich verloren, in den letzten Jahren. Die Existenz böswilliger Kreaturen, die einem in nächtlichen Spaziergängen ans Leder wollen, erkenne ich ja immer noch an, allerdings war ich jetzt mit Autan gewappnet. Ein glückliches Mitbringsel des abendlichen Sitzens im Garten mit Zigaretten, Bier, Wein und den Gesprächen über die US-amerikanische Außenpolitik im August 1973, vielleicht auch noch Anfang September. Wir könnten auch über das Wetter geredet haben.
Das seltsame Empfinden von Unwirklichkeit. Ja, die träumerische Betrachtung des eigenen Lebens, der Liebe, dem Kochen von Gemüse, dem Schmerz und der Freude. Der sich immer mehr verhärtende Verdacht, allzeit so etwas wie Schlafzuwandeln. Als Konsument des eigenen Lebens zu existieren. Die Momente, in denen man sich früher als Blatt, treibend im Wind vorkam, bis man dann einen besseren Geschmack für Metaphern entwickeln durfte. Dennoch. Nur du allein erlangst die Klarheit. Den Moment! Draußen? Pusteblume! Die Wahrheit liegt irgendwo da drinnen. Erkennt man, wenn man wirklich allein ist (und diese Zeit nicht heimlich nur mit Nasepopeln verbringt).

Im Wald sind keine Räuber. Der Titel eines Kinderbuches, von dem keine Geschichte, sondern nur noch vereinzelte Bilder im Kopf übrig geblieben sind und hypothetische Überlegungen, welche Entscheidungsschwierigkeiten oder angemessenen Sprüche man parat hätte, wenn man in den Lauf einer Steinschloss-Pistole blicken würde. Geld oder Leben?

Zwei vorstehende Bäume, fast wie Wächter am Waldeingang. Der kühle Waldweg, dessen heller Kalksteinkies im Dunkeln unter meinen nackten Füßen zu leuchten schien. Ich schlenderte zwischen Parzellen, die seltsame Namen wie „Dunkelmoor“ und „Tannenbühl“ trugen, wohl getauft vom einem kreativen Geist des Forstwirtschaftsverwaltungsamtes (oder so) der sonst nur Bäume zählen durfte.
In einer dieser Parzellen, vielleicht war es sogar das Dunkelmoor, dachte sich einmal ein heiterer junger Mann, dass man ja dort zur Neujahrsstunde dort baden könne. Nennen wir diesen jungen Mann einmal Tim. Weil er so heißt. Wir halfen Tim damals die Zinkbadewanne und Brennholz zum favorisierten Badeplatz zu tragen, vergnügt und heiter über diese famose Idee. In Ermangelung eines Wasserboilers wurde die Wanne zu eben diesem. Tim entzündete das Feuer darunter. Der Rest seiner Geschichte musste leider ohne Augenzeugen auskommen, da er den Badeakt alleine vollzog. Jedoch für die weiteren Geschehnisse hatte er „handfeste“ Beweise. Während anderswo Punkt zwölf die Sektkorken und Böller knallten, senkte Tim seinen splitterfasernackten Körper in das wohl temperierte Badewasser. Nicht wohl temperiert, ja geradezu glühend heiß war jedoch der Beckenrand, an den Tims Hände zum Herabsenken des Körpers fassten. Auch wenn die Moral dieser Geschichte nur mit der Empfehlung des Handschuhetragens auskommen muss, es gibt wohl für wenige Narben eine erheiternde Erzählung.

Hell auch im Sternenlicht die Tümpel hier und dort zwischen den hochaufgeschossenen Fichten. Bombenkrater aus dem 2. Weltkrieg, die fehlorientierte Amerikaner auf der Suche nach einer entfernt liegenden Fabrik in den Waldboden gepflügt hatten. Im Wald herrschte eine Art laute Stille. Nicht die Abwesenheit von Geräuschen, sondern die Friedlichkeit dieser, von einem nicht näher identifizierbaren, kopulierenden Liebespaar tierischer Herkunft einmal abgesehen. Über allem schwebte das Wispern des Windes in den Bäumen. Das mag abgedroschen klingen, von mir aus – aber so hört sich das eben an.
Bevor ich kehrt machte und heimging, blieb ich dort tief im Wald stehen, mit dem seltsamen Empfindung, angekommen zu sein, berauscht von der Schönheit der Natur, der Nacht und den klaren Gedanken, die sich mit mir befassten. Zu selten hat man den Eindruckanhalten zu können. Pause. Bevor das Leben weiterdröhnt, kreischt, rennt. Man verliert so schnell das Gefühl für den Moment, man vergisst es.

Langsam, aber jetzt zielstrebig ging ich durch die kühle Dunkelheit heim. Wo warst du, fragte sie. Ich konnte nicht schlafen, sagte ich.

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Augenblickpunkt

11. August 2009 - 21:07 Uhr

Hinter einem gewaltigen Schnauzer am Nachbartisch verschwand Pizzastück um Pizzastück im Land der mahlenden Zähne und der Verdauung. Auf dem kahlen Kopf des Mannes glänzte die Abendsonne. Du hattest uns noch einen Wein bestellt. Ich rauchte still in Betrachtung des gewaltigen Essers versunken. Ich habe vergessen dir zu sagen, wie schön du bist.

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28. April 2009 - 20:35 Uhr

Sie haben ihnen die Seele genommen und das Herz rausgerissen, rief er entsetzt, Sie entwerfen keine Häuser, Sie töten sie an Ihrem Schreibtisch.

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Promenade

6. April 2009 - 21:20 Uhr

“Kannst du fliegen?”
“Hab es noch nie versucht”, sagte ich lässig. Ich verschwieg einen verstauchten Knöchel, den ich mir beim Versuch und dem damit verbundenen, zwangsläufigen Werkzeugschuppen-Absturz zugezogen hatte. Die Schwerkraft ist ein grausamer Gegner.
“Die Sehnsucht ist der vertrocknete Same der Hoffnung”. Franz popelte nachdenklich in der Nase. Einer dieser Sätze die tiefsinnig zu sein meinen, aber wenn man ihnen auf den Grund geht, findet man ganz unten am Boden nur ein kleines Etwas vor, das einen fröhlich ankichert.
Ich richtete meinen Blick in den Himmel, träumte vom Fliegen. Man schaut viel zu selten nach oben, man vergisst es einfach. Auch, dass der Himmel jeden Tag neu und anders gemalt ist.
“Würde die Automobilindustrie auch nicht mitmachen”.
“Bei was?”
“Personenluftverkehr. Da fährt doch keiner mehr Auto!” Franz verfolgte gewisse Gedankengänge mit einer beängstigenden Konsequenz.
“Ne, das würde auf der Aktionärs-Hauptversammlung bei Mercedes-Benz ein schönes Hallo geben.”
Die Sonne senkte sich ins Wasser. Ein Sonnenuntergang ist übrigens nicht kitschig, Fotos von Sonnenuntergängen sind es und wer Postkarten von Sonnenuntergängen verkauft ist ein blöder Kitschgewinnler.
“Die Krise. Und überhaupt…” Ich stellte den Satz in einen imaginären Raum. Er hing da etwas unsicher rum. Da keiner mit ihm sprechen wollte, verabschiedete er sich auch schnell wieder.
“Willste ‘nen Eis?”
“Wassermelone - Zitrone - Himbeere”.
“Geht klar. Mit Sahne?”
“Aber bitte!”
Wir schlotzen uns selig in die Nacht. Isabell, die Eisverkäuferin setzte sich zu uns.
“Ciao Isabella, come va?”
“Halt die Klappe Franz”. Isabell verdrehte genervt die Augen. Ihr griechischer Chef stellte nur Schwarzhaarige ein, die mit einem kleinen Vokabel-Heft zu Berufsitalienerinnen geschult wurden. Da legt man sich verständlicherweise schnell eine gewisse Aversion zu.
“Kippe?” Ich hielt meine Schachtel in die Runde. Isabell nahm eine.
“Danke nein. Ich rauche nicht, ich huste nur”, meinte Franz.
Isabell und eine Sommernacht. Sie war ein Mädchen, in das man sich jeden Abend neu verliebte. Sie saß da, blies kleine Ringe in die Nachtluft und ließ ihre Schönheit einfach mal so schweigend wirken.
Franz dachte nach, was sich immer deutlich in seinem Gesicht abzeichnete. Ein faszinierender Prozess. Denke halt eher so physisch, sagte er mal zu mir. Seine Züge erhellten sich.
“Könnte klappen!”
“Was?”
“Flugsicherheitsanzüge, kurz FluSiAn. Mercedes könnte sich vollkommen neu auf dem Markt positionieren”.
“Um was geht’s,” fragte Isabell.
“Fliegen, was sonst?!” Franz empörte sich.
“Geht nicht. Die Schwerkraft”, schlussfolgerte sie traurig.
“Ja, aber abgesehen davon…”. Franz wollte sich seine Idee nicht so schnell entreißen lassen. Opfer der Realitäter ist immer die Phantasie.
“Ja, es wäre schon schön”. Sie seufzte.

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