Kategorie: Gesellschaft


Im Fernsehen redete ein Mann

6. November 2008 - 00:42 Uhr

Television

Im Fernsehen redete ein Mann News. Nachrichten-Karaoke vom Teleprompter. Einzelne, wenige Widerstandskämpfer hatten sich aus dem Haar gelöst und standen steilvortretend für die anderen auf. Aufstand in Drei-Wetter-Taft-Land. Die Gesichtsmaske blinzelte arythmisch aber fortwährend und nur für einen kurzen Moment tanzte eine Augenbraue aus der Reihe. Die Worte pendelten auf dem schmalen Grat zwischen Beobachtung und Gleichgültigkeit. Der Mund stanzte ein Wort nach dem anderen wohlartikuliert aus und verband sie zu einer gleichförmigen Sprachmelodie. Der Singsang der Gesellschaft. Bilder zeigten Bilder. Zeigten einen Mann reden. Menschen jubeln. Zahlen rein- und rausfließen. Buchstaben umherwandern.
Ein Medikament präsentierte das Wetter, das wirbelnd über eine Landkarte zog, gejagt vom Zeigefinger einer Frau. Mildes Lächeln präsentierte eine gestreifte Bluse. Gestreifte Bluse präsentierte ein mildes Lächeln. Eine Bank präsentierte sich. Zerklüftet von weißen Zacken thronte die schwarze Anzeigetafel. Eine Brille, ein blaues Hemd, karierte Krawatte und ein Mikrofon verliehen dem Mensch davor Gewicht, keine Würde.

Im Fernsehen redete ein Mann – die Worte habe ich vergessen

(Bildvorlage: dailyinvention)

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Der Fortschritt hat uns Fackeln und Forken genommen

13. Oktober 2008 - 23:02 Uhr

Die Börse: Ein Fernsehpreis, der mit 500 Milliarden dotiert ist, wird von Jörg Haider abgelehnt. Die Finanzkrise stirbt mit überhöhter Geschwindigkeit bei einem Autounfall. Das Rettungspaket wird in der ARD feierlich vom Sprecher des Magnaten überreicht, der die Wunden der Banken mit Arbeitnehmerverbänden verbindet. Das Wetter: Heiter bis wolkig. Höchstwerte bis 18 Grad. Morgen gehe ich spazieren. Vielleicht esse ich einen Apfel. Es ist ja gerade Apfelernte. Da gibt’s die frisch von den Bäumen – kleinen Reihenbäumen, auf Apfelertrag maximiert, nicht hoch genug für Banker. Die Bäume verlieren langsam ihre Blätter, Blätter langsam ihren Wert, steigen dann zur Sonne empor und stürzen brennend auf die Erde zurück. Feuerwehrleute löschen und stiefeln mit wichtigen Mienen über den verbrannten Boden. Im Nebel sieht man nur vage Umrisse. Ein Auto fährt mit überhöhter Geschwindigkeit eine Straße entlang. Im Fernsehen wird ein Finanzpreis verliehen. Im Herbst pflücken polnische Helferhände 500 Milliarden Äpfel. Jörg Haider wird keinen Apfel mehr essen, auch wenn er nicht weit vom Stamm gefallen ist. Apfelbäckchen hat ein Mädchen, dass den Arbeitgeberverbänden die Wunden verbindet. An Börsen feiern sie die Hilfspakete des Roten Finanzkreuzes und ein Dachs schnellt plötzlich in die Höhe, als ein Auto mit überhöhter Geschwindigkeit im Nebel die Straße entlang fährt…

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Kapitale Fehler

30. September 2008 - 19:10 Uhr

Eine Kuh betritt stürmisch und offensichtlich in Eile einen kleinen Lebensmittelladen und sagt “Ich möchte gerne ein Ei kaufen”. Der Verkäufer sagt: “Einen Augenblick bitte, das Huhn war zuerst da”. So endet die Fabel.
Was lernen wir daraus? Nichts. Keinen Sinn, keine Moral, keinen Zusammenhang – es klingt aber lustig. Ungewollt belustigend, durch den großen Verbreitungsgrad aber eher schmerzlich, die Kapitalismuskritik und die Kritik der Kapitalismuskritik tönt in den Feuilletons ähnlich. Einerseits freudige Totengesänge auf den Beerdigungstrauerlichkeiten, mit Häme werden die Sargdeckel aufgeklappt und die Spaten geschärft. Auf der anderen Seite findet man Monty Pythoneske “Er ist noch gar nicht tot, es geht ihm schon viel besser”- Rufe, die den Movern und Shakern der Finanzkrise die Hand schütteln und bewegte Postulate verfassen. Im Chor der Postulanten singt auch Josef Joffe in der ZEIT gegen den Zeitgeist “Nieder mit dem Kapitalismus”. Doch der steinige Weg der Beweisführung ist gepflastert mit willkürlichen Fakten.

…Der fabelhafte Reichtum der modernen Welt lässt sich vom Kapitalismus ebenso wenig trennen wie die Demokratie. Arme Gesellschaften sind selten demokratisch, und reiche sind selten autoritär (Ausnahmen heute: Russland oder Arabien, wo die Bodenschätze Staatseigentum sind). Welche Rechte hatte denn der Knecht im Feudalismus, der Proletarier im Ständestaat? Was war denn demokratisch am Sowjetsystem, wo nicht der Mensch mit dem Rubel, sondern der Kommissar mit der Knute bestimmte, was zu produzieren sei?…

Womit wir wieder beim Faubulieren wären. Man kann den Kapitalismus als Sieger nach Punkten erklären, wenn man ihn mit Leibeigenschaft und der Unterdrückung im Sowjetsystem vergleicht. Doch das Abarbeiten am Rechts-Links-Schema ist nur dann sinnvoll, wenn man beweisen will, dass der Kapitalismus den bisherigen “gescheiterten Gesellschaftsmodellen” wie dem Sozialismus sowjetischer Ausprägung überlegen war.

Ich selber bin durch den Kapitalismus privilegiert. Mir geht es hier gut. Ich könnte zwar alle meine Ersparnisse nach einem Einkaufsbummel im örtlichen Discounter in einem Einkaufswagen nach Hause bringen, doch die Umstände, in denen ich hier lebe, ermöglichen mir ein materiell relativ sorgenfreies Überleben in Wohlstand. Das gilt für mich. Für die meisten von uns und für Herrn Joffe. Wie kommt man aber darauf, den Status Quo des Kapitalismus als voll funktionsfähiges Gesellschaftsmodell zu feiern? Nur, indem man seine Gewinner mit den Verlierern anderer Systeme vergleicht, den Apfelbaum mit dem Apfelbutzen, den kleinen Sojwetarbeiter mit dem Einfamilienhausbesitzer. Wie lautet das wirtschaftliche Mantra unseres eigentlichen Zeitgeistes? Globalisierung. “Man muss das global sehen”, sagt man und das sage ich auch. Heute hängt alles mit allem zusammen. Wenn hier eine Frau mit den Wimpern schlägt, bricht in Südamerika ein Kriegsturm aus. Das ist keine Chaostheorie, sondern die Auswirkung unseres real existierenden Kapitalismus, der weit hinter seinen Idealen geblieben ist. Dessen Vertreter die Freiheit einseitig in Anspruch nehmen wollen, gleichzeitig aber über staatliche Subventionen und Handelsabkommen – etwa durch die EU – nur eine Wohlstandsinsel schaffen können. Die armen Bewohner des Verliererkontinentes versuchen verzweifelt mit morschen Booten auf diese Insel zu kommen, im übertragenen und im wörtlichen Sinne.
Auch wenn man kein “Weltverbesserer” ist, sollte man sich bewusst machen, dass etwa mehr als eine Milliarde Menschen nicht einmal Zugang zu sauberem Trinkwasser hat und Firmen wie Nestlé den Wassermarkt in Entwicklungsländern monopolisieren. Prost. Mal ehrlich, solche Firmen haben ihr soziales Gewissen in die Marketingabteilung ausgelagert und wer ernsthaft glaubt, dass die völlige Liberalisierung der (Finanz-)märkte zum Wohle aller sei, dem kann ich ein Sozialpraktikum in einem von unserer Wirtschaftsdiktatur zerrütteten Land empfehlen. Firmen sind weder gut noch böse, sie sind profitorientiert und nicht sozial. Das ist ihre Natur. Aber aus realen Gewinnen realer Produkte wird ein perverses Glücksspiel gemacht. Losgelöst von “echten” Werten wird mit dem potentiellen Gewinn potentieller anderer Gewinne, die mit geliehenem Geld anderer Anleihen, dass verzinst wurde, spekuliert – vereinfacht gesagt. Dass damit die Raffgier asozialer Arschlöcher reale Massenentlassungen, Hungersnöte und Kriege auslösen können, dafür danke ich dir, Weltwirtschaftssystem.

Nein, den Kapitalismus muss man nicht immer am Sozialismus messen, sondern an den Opfern die bringen muss und an die Segnungen und Möglichkeiten, die er nach humaner Sozialisierung mit sich bringen könnte. Weitergehen, sage ich, hier gibt es zwar schon was zu sehen, aber das reicht nicht – und das hier ist nicht der moralische Zeige-, sondern der moralische Mittelfinger.

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Jugend ohne Spott?

21. September 2008 - 23:08 Uhr

“Jugend ohne Spott?” – Der gescheiterte Versuch einer Replik, die ein dummes Wortspiel über die Suche eines adäquaten lateinischen Begriffes als Titel stellte und diesen Satz jetzt zudem vollkommen unmotiviert mit einem Fragezeichen beendet?

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In der ewig währenden Jugenddebatte (gefühlt seit 4000 v. Chr. allerdings ohne Aufzeichnungen) polemisiert aktuell Jens Jessen im Feuilleton der ZEIT unter der Überschrift “Die traurigen Streber“. Wo sind Kritik und Protest der Jugend geblieben? Die Angst vor der Zukunft hat eine ganze Generation entmutigt.” Manuel J. Hartung und Cosima Schmitt sehen das in ihrer Replik “Die effizienten Idealisten” als positive Entwicklung und Evelyn Finger weist in einem weiteren Debattenbeitrag “Die Bombe tickt” auf die gefährliche Entwicklung in sozial-schwachen Gesellschaftsschichten hin. Die Kommentare zu dem jeweiligen Artikel kann man sich sparen, da vier von zehn Disputanten ihn nicht gelesen, und drei von zehn ihn nicht verstanden haben.
Ein interessanter Diskussionsbeitrag kommt aber von Simon Columbus, dessen Analyse ich weitgehend zustimme, auch wenn ich in der weiteren Entwicklung eine andere Konsequenz sehe. Aber jetzt mal ernsthaft:
Als – äh- Jugendlicher (gerade 23 Jahre, aber stetig älter werdend. Unausweichlich. Blöde Sache. Ja doch! Aber jetzt geht’s mit dem Haupttext weiter, wir sind ja nicht zum Spaß hier) darf ich mich ja kaum berufen fühlen, an dieser Debatte teilzunehmen, die mit historischem Ballast überladen, auf dem aufgewühlten Diskussionswasser im Nebel der Meinungen, Umfragen, Statistiken und des hitzigen Feuilltonsdampfkochtopfes segelt (Die Nautik wurde gerade schamlos für eine endlossatzige Metapher ausgebeutet). Aber ich bin jung, quasi nage ich am Zahn des Zeitgeistes und die Vertreter der Diskussion könnten meine Eltern sein. Papa lass das jetzt. Ich sehe das anders. Sag Mama einen lieben Gruß von mir. Ja, da ich mich gerade sehr jugendlich fühle, bin ich mal so peter und frei, etwas Licht ins Dunkel der Besenkammer der Geschichte zu bringen. Wenn das Internet mehr interagieren und multimedieren könnte, würde an dieser Stelle ein Trommelwirbel kommen. Vorhang auf!

Alles begann mit dem Jahr 1968. Oder endete. Das hängt von der Sichtweise ab. Die einen rauchen heute noch sehnsüchtig Gedenkhaschischzigaretten, die anderen hängen schlapp am Reck und träumen von Zeiten der Wirtschaftsaufschwünge und klimmzügen sich gelegentlich an Wertkulturkonserven wieder hoch. Eines steht für mich jedenfalls fest. Das Jahr 1968 war der größte Autounfall in der deutschen Geschichte. Alles waren dabei. Alle waren Augenzeugen. Aber frag sie jetzt mal, welche Farbe das Auto hatte. Vielleicht war es auch doch nur ein Fahrradunfall.
Diese Leute sind jetzt älter geworden. Dazwischen gab es ein paar Jahrzehnte, die man getrost überspringen kann, wenn man nur nicht vergisst anzumerken, dass die Jugendlichen komische Klamotten trugen und seltsame Musik hörten. Was uns jetzt irgendwie ins Heute, Hier und Jetzt der aktuellen Gegenwart führt (Oh, schon wieder eine Klammer. Sowas! Wenn Sie über 40 sind können Sie diese zum Verschnaufen nutzen, kurz innenhalten und sagen: Ach, damals…).
Was uns alle Menschen auf der Erde verbindet, ist das Streben nach Glück, nach Zufriedenheit in unserem Leben. Das steht fest und da bin ich so frei, für alle zu sprechen. Für alle, außer für die Katholiken. Die haben dafür nach Lebensende eine phätte After-Show-Party. Das Verlangen nach Lebensglück verbindet den Jugendlichen aus dem 14. Jahrhundert, der Pferdeäpfel von der Straße aufklauben musste, mit dem Jugendlichen von heute, der in der Gewissheit der Ungewissheit globalisierter und postmoderner Zeiten lebt. Der Pferdeapfeljunge verdiente übrigens später genug, um sich einen Handkarren leisten zu können. Er lernte ein Mädchen kennen, mit dem er nach kirchlicher Trauung als Pferdeapfelmann drei Kinder hatte, die alle komische mittelalterliche Namen trugen. Als Pferdeapfelopa starb er glücklich und zufrieden in seinem Eigenheim (das nur vom Herzog geleast war, aber Finanzgeschichte spielt hier nun wirklich keine Rolle). Doch der Junge von heute?
Leistungsbereite Jugend = Zukunft für Deutschland” fordert einer dieser “vielgescholtenen” BWLer im ZEIT-Kommentarsaustall. Da unterdrücke ich den Impuls, vom Sofa aufzuspringen, um zackig zu salutieren: “Leistungsbereit, wenn sie es sind, Sergeant!” Lieber möchte ich Pferdeäpfel sammeln gehen. Das Glück der Erde, kommt aus dem Backend der Pferde.

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Schwäbische Ferien

19. August 2008 - 20:36 Uhr

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Herr Punkt Markus (Nase weiß)

Schwäbische Ferien ist noch kein gesetzter Begriff, jedenfalls brachte weder eine Umfrage im Bekanntenkreis, noch die Internetsuche Ergebnisse. Ich beanspruche hiermit den Begriff erfunden zu haben und Internetarchive und Google-Cache mögen mein Zeuge sein. Kommen wir zur Bedeutung der “Schwäbischen Ferien”. Es heißt: In seiner freien Zeit unentgeltlich am eigenen Hause, am Hause der Eltern oder am Nachbarhause zu arbeiten, zur Verschönerung und zum eigenen Wohlempfinden.
Ich pflegte hier schon immer die Bauarbeiterromantik und stilisierte den Akt der einfachen körperlichen Arbeit. Kleinliche Mediendiskussionen haben wir genug in Blogs und manch einem Disputanten über Social Networks möchte man fast eine Schaufel in die Hand drücken und sagen: Arbeite!

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