Kategorie: Gesellschaft


Junges Paar sucht

19. Juni 2011 - 21:23 Uhr

Für einen Wirtschaftswissenschaftler ist der Markt das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage. Für einen jungen Menschen ist der Markt das Zusammentreffen von Verzweiflung und Hoffnung im Angesicht des eigenen Geldbeutels. Beispielhaft sei hier der Wohnungsmarkt angeführt. In einem Film könnte man Sidekick-Joe in einer verrauchten Kneipe am Tresen whiskeyschwanger phrasieren lassen: “Der Wohnungsmarkt hat seine eigenen Gesetze.”
Denn hier kommt nicht der Maler, der seine Farbpalette pfauengleich entfächert. Man kann nicht den Finger zeigend nehmen und sagen “Die da” und hops der Flur ist grün. Der Spieß wird umgedreht. Man wird vom Käufer zum Verkauften. Das liegt hier auf dem Land am schwäbischen Pragmatismus: Hier baut man Häuser oder man erbt sie. Der gesamte Wohnungsmarkt liegt bisweilen zwischen Sonderrufnummern für die heißgeile Mandy und Zwergkanichen zu verschenken auf einer gemeinsamen Viertelseite der Lokalzeitung.
Das Warten auf besseres Wetter lässt einen interessante Wolkenformationen entdecken, bringt einen aber auch nicht substanziell weiter, genauso wenig wie PLEASE RETWEET!!! (Ich bitte übrigens darum, mir mal eine Geschichte zu zeigen, in der ein solcher Tweet zum Erfolg führte).
Nun, man begibt sich in die Situation, den Wert der eigenen Existenz bewerben zu müssen, in Form einer Wohnungssuchanzeige. Willkommen in der Hölle des Anzeigewesens!
Die Angst vor dem leeren Blatt Papier, dem höhnisch blinkenden Cursor kennt der Romanschriftsteller. Er kennt die Furcht vor dem Verlust der Sprache. Die Flüchtigkeit der Gedanken. Wenn dieser Romanschriftsteller doch wüsste, in welchem duftenden Blumenbett er sich um seine Phantasie grämt. Das Erreichen eines dinglichen Zieles mit sprachlichen Mitteln, das ist der Beton des Straßenfußballs. Hart und unbarmherzig.

We are no lonely riders. Andere gingen diesen Weg. Demnach googleten meine Liebste und ich quer durchs Word Wide Web auf der Suche nach Inspiration. Eingeschoben muss gesagt werden, dass man locker 3-20 Atomkraftwerke abschalten könnte, wenn all die vollautomatischen Spamseiten dieser gewerblichen Bereiche abgeschafft werden würden. Deftiger ausgedrückt: die Betreiber solcher Seiten kratzen an meiner mittlerweile sehr dünn gewordenen Pazifismushülle.
Als die Beamten die Wohnung betraten, bot sich ihnen ein Bild des Grauens, ist eine Redewendung die Lokalredakteure gern im Satzbauverfahren vermauern. Uns bot sich ein Bild der Heiterkeit. Ein Ausbruch von Belustigung, die erst am nächsten Tag nach hin und wieder auftretenden heftigen Lachanfällen vollständig abklang.
Sprachliches Unvermögen erheitert mehr, als all das Gedankenwürgen der Lachgelehrten. Möbilisierte Wohnung dingend gesucht. Auch das prätentiöse Protzen mit der Berufsbildung wird am offenen Hosenlatz schnell enttarnt. Junges Paar (Er promovierter Jurist, sie Lehrerin) sucht …. für 500 € kalt (!).

In Ermangelung einer Promotion, die in der Postguttenberg-Ära ja eh latent an mangelnder Glaubwürdigkeit krankt, entschlossen sich meine Liebste und ich ein “Junges Paar mit festem Einkommen” zu werden, das einfach und bescheiden eine Wohnung zur Miete sucht.

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“Ich bin der deutschen Sprache mächtig”

12. Dezember 2010 - 22:44 Uhr

Die Aufmerksamkeitsökonomie wirtschaftet inzwischen mit anderen Themen. Eine schönes Erlebnis zur Integrationsdebatte hatte ich aber dennoch heute. Im Zug sah ich ein Mädchen mit Kopftuch und verschiedenen Buttons auf der Umhängetasche. Auf einem schwarz-rot-goldenen Button stand in Frakturschrift “Ich bin der deutschen Sprache mächtig” und auf einem weiteren “BILD – Dir deine Vernunft.

Danke, Mädchen!

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(Politik)

27. April 2009 - 18:38 Uhr

Ich schlafe nicht, ich bin nur müde.

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Here we are now. Entertain us

1. Februar 2009 - 23:30 Uhr

Der Überdruß, der aus freier Zeit Langeweile gemacht hat, eine Not eine Armut, die es zu beseitigen, zu unterhalten gilt. Für jeden Moment das passende Produkt. Es ist nicht das Niveau einer Fernsehsendung, nicht das Thema eines Artikels, nicht die Werbung einer Spielkonsole. Es ist nicht das Zahnrad. Es ist die Maschine.

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Heimfahrt

6. Januar 2009 - 00:10 Uhr

Was einem auch manchmal entrückt vorkommt, in den Häusern sitzen Menschen und haben sich ein Leben gebaut. Lebensentwürfe gebastelt. Hier und da einen Baum gepflanzt. Ein Auto in die Garage geparkt. So fährt man über die verschneite Dörflichkeit des Landes und denkt sich so seinen Teil und manchmal ein Ganzes. Das Radio ist aus, weil es keines gibt, der Motor dröhnt monoton. Zur weißen Heimeligkeit der Winternacht steht eine umzäunte Schafherde auf der Wiese und frisst Schnee. So sieht es zumindest aus. Sie grast und löst sich langsam im Weiß auf.
Das war mal Land. Und wem die Natur gefällt, dem sind manche Häuser fremd geworden. Aus den Tempeln der Einfamilienwohnglücke dämmert das Licht aus Doppelglasfenstern, Schornsteine ragen rauchlos in die Silhouette der Nacht.
The modern life. Irgendwie kreist so manches Gespräch um die Wirtschaftskrise, die doch eine Gesellschaftsproblematik ist. Es schwingt leise die Sehnsucht nach einer anderen Zeit, nach dem Beginn einer anderen Welt. Man hat schon Idealismus gefressen, gekaut und wieder ausgekotzt. Gemerkt, dass man das System nicht ficken kann, ohne selbst gefickt zu werden. Man ist doch jung und hat ein eigenes Leben. Das Steinewerfen macht nur Fenster kaputt und zerbeult Autos.
Es ist kein Leichtes gegen Unterdrückung zu kämpfen, die einem selbst Wohlstand verschafft, die einen in Sicherheit wiegt und im Konsum einlullt. Daneben Ungerechtigkeit, die gesellschaftliche Kausalität, die neben Gewinnern auch Verlierer braucht. Ein System, dass niemals sein Versprechen einlösen kann. Ein Gesellschaftspiel, dass von den Spielern Angst und Gier verlangt. Die Suggestion, dass einen das alles gerade nichts angeht, aber…

…irgendwann, irgendwo der Aufbruch kommt.

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