Alle Artikel in der Kategorie “Erlebnisse

Die Urinprobe

Wie baut man ein Rockfestival wieder ab? Welche Schuhe sollte man in feuchtem Gras tragen?  Wie fühlt sich eine gebrochene Rippe an? Und: wie voll pinkelt man eigentlich einen Urin-Becher? – Des Herrn Punkt Markus wundersame Reise durch ein Provinz-Krankenhaus

IMG_3682
Bild-Quelle

Vor zwei Jahren habe ich ein Musikfestival ehrenamtlich mit-veranstaltet. Zwei Tage lang Musik, Sex und Drogen? No Sir! Es handelte sich um ein zweitägiges Jugendmusikfestival, also: Mineralwasser, Pommes und Verantwortung.

Sonntag. Neben Schlafentzug, einem in den Fuß gerammten Stativ und dem argwöhnischen Gefühl, ein bisschen alt geworden zu sein, habe ich das Festival recht gut überstanden. Ein bisschen staunend stehen wir nun im Morgentau zum Abbau auf der Festival-Wiese. Vor uns  ein riesige Berg Dinge, die wir einmal herbei geschafft haben sollten.

„Holst du den Hänger?“.

Es gibt nicht viele Entscheidungen, die ich bereue. Das hier ist eine davon. Statt das Auto zu holen, den Hänger anzuhängen und an den benötigten Platz zu fahren, dachte ich: Schiebste schnell, is ja eben und nich schwer. Die Hände fest an der Bordwand, die Füße in den Boden gestemmt, nehme ich Schwung …

… rutsche im feuchten Gras aus …

Weiterlesen

Funkenfeuer

IMG 3554

Das Funkenfeuer (kurz und wohlklingend auch: Funken) ist einer der schönsten Bräuche im schwäbisch-alemannischen Raum, wie ich finde. Während wir das letzte Mal noch durch hohen Schnee stapften und Glühwein tranken, erinnerte in diesem Jahr nur ein scharfer Nordostwind an einen Winter, der vertrieben werden musste.

Frühling, sei willkommen!

IMG 3553

Sie haben die Gitarren vergessen

„Sie haben die Gitarren vergessen!“ D. kommt aufgeregt in die Küche gestürmt.

„Sie haben die Gitarren vergessen?“, wiederhole ich, weil ich zwar jedes Wort, ihn aber nicht verstanden habe.

Er geht zum Küchenradio, das bisher nur leise gerauscht hatte. Er dreht es voll auf. Jetzt höre ich es auch.

„Sie haben die Gitarren vergessen!“, sage ich verblüfft.

„Sie haben die Gitarren vergessen!“ D. nickt triumphierend.

(Träume, ey!)

Koffer der Konjunktive

Zwei Salate vor und eine gewisse Zeit hinter uns, sitzen wir heute in einem Café. Zehn Meter weiter endet die Promenade. Sie fällt mit einer Mauer ab. Dort beginnt das Wasser des Bodensees.

Hilfe! Ruft jemand einen Krankenwagen! Sofort! Den Notruf! Hilfe!„, hören wir einen Mann schreien. Wir, Mitgäste und Promenadenbewohner drehen uns um.

Hilfe! Sofort jemand einen Notarzt! Krankenwagen! Hilfe!

Hinter den Beeten, unten an der Ufermauer liegen Boote. Von dort schreit der Mann. Es klingt mehr empört, als verzweifelt. Die ersten Passanten sind vor Ort. Ein Mann hat das Handy am Ohr. Die zweite Reihe füllt sich mit Passanten.
Wir schauen uns an. Wie das im Leben und in solchen Situationen ist. Da klappt er auf, der Koffer der Konjunktive. Was wäre wenn? Wenn man den Ersthelfer-Kurs doch gemacht hätte. Wenn man doch schon aufgestanden wäre. Wenn man doch Blut sehen könnte. Verlegenheit macht keine Helden. Gelegenheiten schon.

Weitere Menschen eilen hin und her. Was meine Begleitung denkt, weiß ich nicht. Als Fachmann artikulierter Hilfeschreie vermute ich mindestens einen Herzinfarkt, zwei mittelschwere Beinbrüche oder eine stichhaltige Wespenallergie. Gar doch was ab – also was dran an der Hai-Geschichte im Bodensee? In meiner Vorstellung liegt eine Frau bewusstlos im Boot. Der Mann schreit um Hilfe. Ja mein Gott, verdammt! Warum hilft ihm denn keiner? Warum sind wir noch nicht aufgestanden?

Sofort einen Krankenwagen! Den Notruf„, hört man es weiter von den Booten und zwischen den lose rumstehenden und feste schauenden Passanten bricht der Mann empor, hält mit der einen Hand die andere und beide widerum von sich gestreckt. Er eilt zum Café, weiter brüllend und ehe er verschwindet hören wir:

Sofort einen Krankenwagen! Meine Fingerkuppe ist ab!„.

Zwei Telefonate

15:15 Uhr

Eine vierstellige Telefonnummer ohne Vorwahl. Ein über die Email des Vorzimmers geschobener Tipp des Bürgermeisters, doch mal Kontakt zu dieser Band aufzunehmen. Der Name klingt volkstümlich. Es geht um eine Musiknacht.

Ich rufe an. Sage, weswegen ich anrufe.

Pause.

„Ja“, sagt der Mann.

Pause.

„Was machen Sie denn für Musik?“ frage ich in das peinliche Schweigen.

„Man kennt uns“, sagt der Mann. „Wir machen Stimmung“.

„Unterhaltungsmusik?“ frage ich etwas vorsichtig, weil ich Angst habe, in diesem Genre-Bereich durch Unwissenheit zu beleidigen. Ich habe erst neulich irgendwann gelernt, dass es Schlager und Volksmusik gibt und vor allem, dass das nicht das Selbe ist.

„Man kennt uns“, antwortet er halb verärgert, halb hilflos.

Irgendwie schaffen wir es dann, das Gespräch zu beenden.

15:42 Uhr

Ich brauche ein technisches Ding** für eine Veranstaltung. Das kann man hier wie alles ander auch natürlich von der Freiwilligen Feuerwehr ausleihen. Wenn es hier je wieder einen Krieg geben sollte, möchte ich auf jeden Fall auf der Seite der Feuerwehr kämpfen. Wer so ausgestatt ist, kann gar nicht verlieren. Nach Verweisung auf, rufe ich also beim Stv. Kommandant an.

„Stehle*“, bellt eine dunke Stimme so kurz angebunden, dass ich das Geschlecht nicht ausmachen kann.

„Ich würde gerne mit Herrn Stehle sprechen. Wäre das möglich?“.

„Ja“.

Pause.

„Ja?“ Ich frage vorsichtig.

„Der isch aber grad ned do“. Ich stelle fest, dass es sich um die Frau handeln muss.

„Wann kann man ihn denn erreichen?“, frage ich mutig.

„Ha woiß i jetzt au ned“.

Irgendwie schaffe ich es dann, das Gespräch zu beenden.

*Name von der Redaktion (Anmerkung der Redaktion: also von mir) geändert.

**Klartext Kinder: ein mobiles Scheisshaus

(Hinweis: Ich veranstalte beruflich Veranstaltungen und andere Dinge )