Die Urinprobe

Wie baut man ein Rockfestival wieder ab? Welche Schuhe sollte man in feuchtem Gras tragen?  Wie fühlt sich eine gebrochene Rippe an? Und: wie voll pinkelt man eigentlich einen Urin-Becher? – Des Herrn Punkt Markus wundersame Reise durch ein Provinz-Krankenhaus

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Vor zwei Jahren habe ich ein Musikfestival ehrenamtlich mit-veranstaltet. Zwei Tage lang Musik, Sex und Drogen? No Sir! Es handelte sich um ein zweitägiges Jugendmusikfestival, also: Mineralwasser, Pommes und Verantwortung.

Sonntag. Neben Schlafentzug, einem in den Fuß gerammten Stativ und dem argwöhnischen Gefühl, ein bisschen alt geworden zu sein, habe ich das Festival recht gut überstanden. Ein bisschen staunend stehen wir nun im Morgentau zum Abbau auf der Festival-Wiese. Vor uns  ein riesige Berg Dinge, die wir einmal herbei geschafft haben sollten.

„Holst du den Hänger?“.

Es gibt nicht viele Entscheidungen, die ich bereue. Das hier ist eine davon. Statt das Auto zu holen, den Hänger anzuhängen und an den benötigten Platz zu fahren, dachte ich: Schiebste schnell, is ja eben und nich schwer. Die Hände fest an der Bordwand, die Füße in den Boden gestemmt, nehme ich Schwung …

… rutsche im feuchten Gras aus …

… und knalle mit der Brust auf die Bordkante. Arghl!, denke ich. Arghl!, sage ich, nachdem ich wieder ein wenig Luft bekomme. Der Schlag auf die Brust fühlt sich an, als hätte man mich beim 100-Meter-Sprint mit dem Baseball-Schläger gestoppt. Ein kleiner Restverstand, der nicht vom Schmerz benebelt ist, verflucht die Wahl des Schuhwerks am Morgen. Ein wenig benommen laufe ich über die Wiese und fasse Luft. Nach fünf Minuten geht es mir besser. Ja, fast schon gut. Erstaunlich dieser Körper. Sowas könnte ich gedacht haben. Ich unterstelle mir aus heutiger Sicht aber eher Gedankenlosigkeit.

Freudig ob der wiedererlangten Manneskraft will ich etwas anheben und  – bämm! – the Return of the Baseballschläger. Der Schmerz fährt wieder in die Rippe ein, wie der Blitz in die Eiche. Bestimmte Bewegungen sind einfach nicht mehr schmerzfrei möglich.

Den Rest des Abbau begleite ich nur noch delegierend, kommentierend und fotografierend.

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In den nächsten Tagen schmerzgrinse ich mich durch alle Bewegungen, in denen die Rippe spürbar ist. Es sind sehr viele.  Eine kurze un-repräsentative Umfrage im Freundeskreis ergibt, egal ob Prellung oder Bruch, es tut halt weh. Da kann man nichts machen.

Kann man da was machen? Man kann. Auf jeden Fall auch ein Kreuz in den Kalender. Der Herr Punkt Markus geht zum Arzt.
Nachdem ich festgestellt habe, dass es die Hausärztin meiner Jugend tatsächlich noch gibt, sitze ich unwesentlich später bei ihr in der Praxis.
„Arbeitsunfall?“, fragt sie. „Nö“, sage ich. Ich bin gerade erst anderthalb Monate selbstständig und habe noch keine Krankenversicherung ausgewählt. Habe ich ja auch noch anderthalb Monate Zeit dazu. Die Ärztin hält die Rippe für gebrochen und gibt mir eine Überweisung ins Krankenhaus. Zum Röntgen.

Eine kleine, aber unbestimmte Anzahl von Tagen später gehe ich ins Krankenhaus. An der Rezeption grüße ich freundlich, aber auch ein wenig schmerzbeflissen. „Arbeitsunfall?“, fragt sie. „Nö“, sage ich. Es ist die erste Person, mit der ich im Krankenhaus spreche. Ich bekomme einen Platz im Warteflur. Menschen sitzen, Menschen eilen hin und her. Betten werden geschoben. Durch Sitcoms sozialisiert, vermute ich hinter jeder Tür Tod, Sex und Drama. Hier STERBEN Menschen, während mir nur meine Rippe schmerzt. 

„Herr Seefried, kommen Sie bitte?“. Die zweite Person in diesem Haus, mit der ich spreche, ist eine junge Krankenpflegerin. Sie hat trägt weite Kleidung, hat leicht hängende Schultern und einen wiegenden Schritt. Sie sieht aus, als würde sie nach Feierabend mit dem Skateboard durch die Flure fahren.
Ich komme in einen Behandlungsraum.  Ist das die Notaufnahme, frage ich mich und merke immer mehr, wie wenig Ahnung ich von Krankenhäusern habe. „Arbeitsunfall?“, fragt sie. „Nö“, sage ich. Ich erzähle kurz meine Geschichte. Ich soll warten. In der langen Wartezeit baue ich in meiner Vorstellung einen funktionierenden Medikamenten-Schmuggel-Ring auf. Manchmal denke ich auch an meine Rippe.

Ein junger Mann stürmt herein. Wehender, weißer Kittel – aha, ein Arzt! Er drückt mir einen Plastikbecher in die Hand. In gebrochenem Deutsch, mit starkem russischem Akzent, gibt er mir zu verstehen, dass ich eine Urinprobe abzugeben hätte. „Wegen einer Rippe?“, frage ich misstrauisch. „DA“, sagt er auf Russisch. Sagt er natürlich nicht, aber in meiner Erinnerung klingt das jetzt so. Gut, denke ich mir. Der Mann ist Arzt. Ich schlafe dagegen schon bei Emergency Room vor Langweile ein. Er ist die dritte Person, mit der ich hier zu tun habe.

Mit dem Becher in der Hand mache ich mich auf den Weg durch die Flure, bis ich eine Toilette finde. Mit herunter gelassener Hose, stehe ich dann da. Vage erinnere ich mich an meine Musterung. Wie voll muss man den Becher denn machen? Einen Eichstrich kann ich nicht erkennen. Ein paar Tropfen? Reicht das für den Test? Lieber ganz voll? Für welchen Test eigentlich genau? Ich entscheide mich für halbvoll und mache den Deckel drauf. Nach kurzer Überlegung, wickel ich dann den Becher in ein Papiertaschentuch ein. So trage ich ihn durch die Gänge zum Warteflur. Betont locker, als würde ich sowas eben jeden Tag machen.

Ein wenig später streckt mir die Krankenpflegerin die Hand hin: „Sie haben da was für mich?“. Sie hat dabei einen etwas peinlich berührten Gesichtsausdruck, den ich nicht ganz einordnen kann. Alter, denke ich, ist doch nur ne Urin-Probe, sonst fließt hier doch Blut, Kotze und Schleim. Vielleicht neu hier? FSJlerin? Gibt es das überhaupt noch in Krankenhäusern?

„Herr Seefried, würden Sie bitte mitkommen?“. Ich folge einer weiß bekittelten Frau, meiner vierten Kontakt-Person hier, in einen anderen Raum. Hocherfreut identifiziere ich ein Röntgengerät. Ich darf mich obenherum frei machen, bekomme Schutzkleidung für nicht zu bestrahlende Teile und werde nach allen Regeln der Kunst durchleuchtet.

Nach Front- und Seitenansicht kommt eine weitere Frau herein. Wer mitgezählt hat: ja, die fünfte Person, die sich um mich kümmert. Ein wenig erbost und leise zischend redet Frau Nummer Fünf auf Frau Nummer Vier ein. Mir gibt man dann in knappen Worten zu verstehen, dass man die Aufnahmen noch mal machen müsse. Ja, das wäre notwendig. Ich nehme das hin. Habe ja keine Ahnung. Alles was ich über Krankenhäuser weiß, habe ich aus Scrubs gelernt. Entschuldigung gibt’s  jedenfalls keine.

Übrigens bin ich der Meinung, dass Röntgengeräte – jetzt mal nur so fürs Feeling – beim Strahlen wenigstens leise brizzzzzzz machen sollten.

Ich sitze wieder im Warteflur. Mittlerweile habe ich gedanklich eine kunsthistorische Abhandlung über die dort hängenden Drucke verfassen können. Ach, Wassily, was müssen deine Kandinskys hier dumpfes, schmerzerfülltes Starren ertragen.
Die Krankenpflegerin kommt wieder und bittet mich mitzukommen. Mittlerweile freue ich mich über jedes bekannte Gesicht in dieser Prozedur. Ich darf mich auf die Liege in einem kleinen Behandlungsraum setzen und  darf – na, erraten? – warten.
Ein wenig später höre ich eine aufgeregte Stimme durch die geschlossene Tür. Die Krankenpflegerin, deren Stimme ich mittlerweile auch erkenne, redet mit einem Mann: “ … der Mann musste eine Urinprobe abgeben … was soll denn der von uns denken …“. Aha! Das diffuse Befremden weicht der Erkenntnis. Deswegen hat die mich vorhin so komisch angeschaut.
Herein kommt, als sechste Person in diesem Theater, ein Arzt (Indiz: weißer Kittel). Mich trifft der Schlag, als ich ihn erkenne, das Gesicht, die Haare, sogar die Brille. Fuck, denke ich, jetzt habt ihr mich erwischt. So unauffällig das panisch geht, schaue ich mich nach einer versteckten Kamera um.  Dieser Mann ist Philipp Rösler.

Es stellt sich raus: Es ist nicht Philipp Rösler, sondern ein Arzt, der meine Röntgenbilder dabei hat. Da es nach wie vor um eine höllisch schmerzende Rippe geht, verpasse ich leider die Chance, ihn nach der Urinprobe zu fragen. Die Rippe ist nicht gebrochen, erfahre ich jetzt.  Der Schmerz wird in ein paar Tagen nachlassen.

Mit einer Ahnung, wohin das deutsche Gesundheitssystem künftig geht, verlasse ich das Gebäude. Wenn ich mich einmal ernsthaft  in diesem Landkreis verletzten sollte, besteche ich den Rettungsdienst. Er soll mich in ein anderes Krankenhaus bringen.

4 Kommentare

  1. uli

    Das ist in jedem Krankenhaus so. Mit meinem Kind saß ich drei Stunden in der fatzenleeren Notaufnahme, bis sich jemand bequemte, eine Gehirnerschütterung festzustellen. Auf dem höllisch schmerzenden Bauch meiner Frau drückten innerhalb von zwölf Stunden insgesamt elf Leute rum, um verschiedenste Disgnosen abzugeben, bis ihr dann schließlich kurz vor knapp der Blinddarm entfernt wurde. Bei mir selbst diagnostizierte ein Notaufnahmearzt nach stundenlangem Warten und einer Röntgenaufnahme eine Zerrung in der Schulter. Das selbstorganisierte MRT ergab vier Wochen später den Abriss einer Sehne, die dann zweimal operiert werden musste. Du wartest, dir wird nichts erklärt, du wirst in Maschinen geschoben, dir wird nichts erklärt, du erfährst niemals, was da eigentlich mit deiner Krankenkasse abgerechnet wurde, du siehst übermüdete Assistenzärzte, aber keine Krankenakte, dir wird nichts erklärt, du wartest und wartest. Und während du wartest, explodieren die Kosten und materialisieren sich in den Yachten der Chefärzte, Pharmakonzerne und Geräteherstellern.

  2. goron

    wo kann man hier den daumen nach oben drücken? gibt es den überhaupt noch? na dann mal mit verspätung herzlichst willkommen.

  3. .markus

    @uli: Ja, das kommt mir recht bekannt vor. Im Familien- und Freundeskreis habe ich natürlich auch noch einige Geschichten, die nicht so amüsant wie eine fehlerhafte Urinprobe sind. (Armbruch und Wirbelsäulenverletzung übersehen … ).

    Das fiel mir gerade auch wieder ein: Spanische Pflegekraft erschrocken über Zustände in deutschen Krankenhäusern

    @goron: Mein Integrationswille hat Grenzen. Zumindest derzeit, was Facebook-Buttons in den Blog angeht. Aber: sehr schön, dich mal wieder zu lesen …

    … ja, Wahnsinn! Ich sehe, du bloggst ja auch wieder. Warum sagt mir mein Feed-Reader da nix zu?!

  4. goron

    ich wollte natürlich nur einen imaginären daumen zum zeichen meiner unterhaltung gedrückt wissen. so weit kommt es noch, dass man sowas in seinen blog einbindet.

    tja, rss, damit hab ich mich nie beschäftigt. hat bestimmt der aufkauf von feedburner durch google dran schuld. aber meines erachtens hat sich da nie was verändert. na egal. rss ist ja eh tot.

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