Als wir den Sommer bewohnten

Wahl frei, sagte der Automat. Im Augenblick standen 60 Cent auf dem Spiel. Du brauchst dich nicht jetzt zu entscheiden, sagte N. Ich wählte die Drei – Cappuccino mit Zucker. Nun, ich muss verraten, dass ich mich schon vor langer Zeit für den Cappuccino mit Zucker entschieden hatte und wenn ich ganz ehrlich bin, beginnt die Geschichte auch an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Wahrscheinlich in einem Strandbad. In der Abendzeit. Mit den Bewohnern zweier Handtücher.

N traf ich das erste Mal im Sommer. Nenn mich N, sagte sie.
Warum eigentlich N, fragte ich, während ich semi-konzentriert einen Stein auf meinen Zehen balancierte.
Weil die anderen Buchstaben heute frei haben. Sie lachte.
Der Stein fiel runter – ärgerlich, aber ich hatte mich gerade verliebt. Probeweise redeten wir noch etwas über das Wetter.
Da Liegen als Tätigkeit schon ausreichend ist und im Gegensatzt zum Sitzen keine Nebenbeschäftigung benötigt, konnte sich ungehindert der Himmel dunkeln und die Sterne in den Vordergrund treten lassen, bevor wir bemerkten, dass auch eine antiautoritäre Wettereinstellung der richtigen Kleidung bedarf. Wir froren.
Wo ist dein Handtuch zuhause, fragte sie mich. Zusammen wanderten wir durch die Nacht und jede dahergeflogene Sternschnuppe wäre wunschlos verglüht.
Dem Kühlschrank ensprang ein Abendessen. N kam nackt aus meiner Dusche und flüsterte mir ihren vollen Namen ins Ohr.
Ich kannte deinen Bruder, sagte ich und auch, es tut mir leid.
Ich kannte ihn nicht, sagte sie leise. Sie nahm Dvorák aus dem Regal und vertrieb damit die Gitarre aus dem CD-Player. Repeat. Kurz vor Sonnenaufgang verklang die Sinfonie zum sechsten Mal.

Vorsichtig zog sie die Tür hinter sich zu.

Ich verbrachte den Tag. Die beiden Handtücher trockneten unhörbar auf dem Balkon. Ich legte mir ein paar Worte auf Papier zurecht, doch sie blieben nicht lange so liegen. Nur ein dreiwortiges Gedicht konzentrierte sich, alles andere schämte sich im Papierkorb.

Du hast dein Handtuch vergessen, sagte ich am Strand.
Nein, du hast es mir mitgebracht. Sonne in ihren Haaren und etwas in ihren Augen. Liebe ist keine Gefühl, es sind hunderte. Wir ließen die Sonne wieder unter- und aufgehen.

Wie war das mit deinem Bruder, fragte ich.
Ein Mädchen, sagte sie. Kein Mädchen, sagte sie und lachte. Es klang bitter. Ihr Handtuch war blau, meines war grün. Der Himmel war rot. Wir wohnten nur auf dem dünnen Stoff, der uns von Stein und Sand trennte. Gehen wir einen Kaffee trinken?

Wahl frei, sagte der Kaffeeautomat. Gehen wir morgen nach Kroatien, fragte N. Du brauchst dich nicht jetzt zu entscheiden, sagte sie. Ich wählte die Drei – Cappuccino mit Zucker, aber das spielte keine Rolle. In Zagreb würde ich ihr mein Gedicht zeigen.

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