(Symbolbild)
Pünktchen musste damals nur gnädige 40 Meter bis zum Schulbus laufen, was ihn aber nicht daran gehindert hätte, laufend seinen Bus zu verpassen, wenn da nicht der Busfahrer Herr H. gewesen wäre, der sich nicht zu fein gewesen war, an der Tür zu klingeln und sich nach dem Verbleib des werten Pünktchen zu erkundigen. Nun gut – jedenfalls kam das in all den Jahren zumindest ein paar Mal vor. Ich erinnere mich zumindest an einen erfolglosen Versuch den Bus zu „verpassen“.
Der öffentliche Nahverkehr ist oft eine Qual als Erwachsener und eine Busfahrt weniger lustig, denn als Kind. Dieses kindliche Lustigsein ist ja ein Teil vom Verderben des Ruhebedürfnisses der Älteren. Die Kinder wollen ihren Abenteuerspielplatz eben ortsunabhängig gestalten, die Erwachsenen vor allem – „aber jetzt bitte“ – Ruhe auf dem Weg von A nach B über CDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ.1
Bei 13 Jahren Schule und etwa 180 Schultagen im Jahr, mit täglich 70 Minuten Busfahrt, verbrachte ich insgesamt ungefähr 100 Tage meines Lebens in einem Schulbus. In Prozent sind das… ach, mein Leben will ich jetzt nicht in Zahlen kleiden, sondern in Buchstaben.
Pünktchen und Jungpunkt nehmen wir mal als grobe fahrlässige2 Alterseinteilung für die Phasen der schulbedingten Busbenutzung. Pünktchen liebte Trubel und Heiterkeit im Abenteuerspielplatz Bus mit ebensolchen infantilen Gesinnungsgenossen. Jungpunkt nutzte die kostbare Zeit, um Hausaufgaben zu machen, die er „vergessen“ hatte, um Vokabeln zu lernen, um Musik zu hören oder in pupertären Befindlichkeiten zu versinken. Aber zurück zu Pünktchen: Kennt ihr noch die Kartenquartette, mit denen man sich früher die Zeit vertrieb? 100 PS, Stich und so? Spielten wir so oft, dass wir die abgegriffenen Karten irgendwann auswendig konnten. Ich komme mir alt vor, wenn ich das frage, aber spielt man das heute immer noch?
Die liebste Beschäftigung, war jedoch das ritualisierte Ärgern eines bestimmten Busfahrers, Herr Eff3, der mir heute ein bisschen leid tun würde, aber nach unseren damaligen Gesichtspunkten ein richtiges Arschloch war.
Fast zu Linienbeginn, gehörten die wenigen Kinder unseres Dorfes4 zu den privilegierten Sitzplatznutznießern, die sich auf den hinteren Rängen des fahrenden Theaters hätten fläzen können, wenn da nicht Herr Eff gewesen wäre, der mir immer wieder bildlich erscheint, wenn Terry Pratchett „Nobby“ in seinen Scheibenweltromanen auftreten lässt.
Aus einer seltsamen Mischung von Verantwortungsgefühl und Kontrollzwang, wollte er uns unverschämterweise immer vorne im Bus platzieren, wo er uns besser sehen konnte. Wir revoltierten offen gegen die Einschränkung der Ausübung unserer Platzwahlfreiheit und erklärten ihn zum Feind, auf den Spottlieder gesungen und dem Reißnägel auf den Sitz gelegt wurden, die allerdings kaum durch die speckige braune Kordhose drangen.
Der Feind der kinderlichen Heiterkeit war jedoch selber von infantilem Gemüt. Es war 1993 und Helge Schneider kam in das Leben unseres Herrn Eff, dessen Herz sonst nur rührige Weisen der Volksmusik zum Schunkeln bringen konnten. Helger Schneider sang Katzenklo, Herr Effs Kassettenspieler leierte es immer und immer wieder und er selber leider auch, mit größter Erheiterung seiner selbst. Meine erste Begegnung mit Helge war also traumatisch, nichtsdestotrotz gibt es heute Reis, Baby!
Zwei wunderliche Eigenschaften, die sicherlich wechselwirkten, kennzeichneten Herrn Eff. Ein latenter Hang zum jähen Harndrang und die Bekanntschaft vieler Leute entlang meines langen Heimweges, aber Busfahrer kennen eh jeden. Ein besonders einprägsames Erlebnis war es, als ich mit dem Nachbarsjungen über einen Zaun kletterte und Äpfel klaute, während der Bus warnblinkend am Seitenstreifen stand und Herr Eff das Örtchen eines örtlichen Freundes besuchte.
Weniger lustig war aber eine Oma, die sich einmal über unser lebhaftes Spiel entrüstete und uns bitterböse „Judejunge“ entgegen keifte. Den Ton verstanden wir, allein die Musik war uns fremd und die Gewohnheitsnazisau sang noch immer die alten Lieder.
Unter den anderen Mitfahrern gab es aber noch andere illustre Gestalten. Ich hatte das zweifelhafte Privileg, Alfred E. Neumann in Fleisch und Blut zu treffen. Die optische Übereinstimmung, die ich natürlich erst später feststellte, war erschreckend, weitaus erschreckender war jedoch die Gemeinsamkeit als verschlagener Quälgeist. Wir haben ihn in unserer jugendlichen Wut einmal verprügelt, zumindest das, was man unter Kindern als verprügeln bezeichnet. Austeilen, aber auch einstecken – der Kampf um die hintere Sitzbank artete auch mal in blutige Nasen und blaue Flecken aus. Zumindest gab es da einen rabiaten bulligen Jungen, der sich mit Ellbogen seinen Sitzplatz erkämpfte, bis zu dem Tag, als der große Bruder eines Klassenkamerade dessen Mütchen mit einer heißen Backpfeife kühlte. Dieser Junge macht heute übrigens die Ausbildung zum Krankenpfleger und lebt in einem Schwesternwohnheim. Die Geschichten, die man von dort vernimmt, würden die Phantasie eines Pornodrehbuchschreibers in den Schatten stellen können. Nun – die Prügeleien in meiner Kindheit will ich nicht herorisieren, aber viel was damals unter infantilem Gerangel lief, geht heute als „Gewalt & Mobbing am Schulhof“ vor Gericht5
So war das damals, als Pünktchen auf dem Weg zur Schule…
Wir haben uns früher jeden Tag geprügelt, doch damals kam man wegen einer kleinen Rangelei nicht vor Gericht ;)
[Link gelöscht und es tut mir nicht mal leid.
Herr Punkt Markus]
Da gibt es für mich jetzt doch noch was zu klären :-) (schon seit dem letzten Pünktchen ;-))
Bist du heute (punkt)markus, weil du früher Pünktchen genannt wurdest oder ist Punktchen nur die Verniedlichung von (punkt)markus? ;-)