.pünktchen und wendy

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Herr Punkt Markus war aus rein biologischer Notwendigkeit früher einmal ein „Pünktchen“, womit aber nicht der Zustand des mikroskopisch kleinen, geißelbewegten Spermatozoons gemeint ist, sondern die Jahre danach – die frühen Lebensjahre des Herrn Punkt Markus.
Man wächst ja so auf, entwickelt sich so vor sich hin und wie das halt üblich ist – macht man Phasen durch, eine Begleiterscheinung ist etwa das begeisterte Konsumieren der altersgemäßen Journalien, wie zum Beispiel des Micky Mouse-Magazins.
Ist ja heute auch nicht mehr ganz so, hab ich mir sagen lassen, da kommt nach der Plastikrassel der Spielcomputer, dann Youtube, wahlweise auch ein eigener Fernseher im Zimmer um das Kind ruhig zu stellen. Erlebnis-Pädagogik, das Kind vor den Teletubbies festzurren und als Eltern kann man dann um die Häuser ziehen und Abenteuer erleben (Liebe schockierten Zuleser, das mein ich doch nicht so, das klingt alles nur so hübsch frech und provokant).
Zwischen dem „Lustigen Taschenbuch“ und weniger lustigen, aber ebenso unterhaltsamen und gehaltreicheren Abenteuerromanen, hatte ich das Privileg 1.) Schwestern zu haben und damit 2.) deren Phasen (Geschwister haben, heißt eben immer auch: ) zu teilen, gleichfalls ihre *hüstel* Zeitschriften – das genau ist der Moment, in dem der Leser vor Schreck zusammenzucken muss, weil er messerscharf die Titel-Logik kombiniert hat. Ha!

Noch kümmerte mich der Geschlechterkampf nicht allzu sehr, ich kam ja eben aus der Kleintierphase – die eine (geschwisterliche) Parallelwelt zur Legophase war. Ich hatte – was man als Anekdote ja auch mal einschieben kann – ein Karnickel, das ich „Schwälbchen“ nannte. Wegen Identitätsstörung oder auch nicht, dieses erkrankte und starb jedenfalls an Hirnhautentzündung. Ich habe ihm Löwenzahn in sein Grab gelegt. Darauf stand ein selbstgebasteltes Kreuz aus Holzstöcken und Paketschnur. Jetz werde ich aber sentimental, entschuldigt.
„Wendy“ – ich hoffe der Leser windet sich noch in Entsetzen oder in rätselt in seliger Unkenntniss. Wendy, das ist das Fanzine für Reiterhofgören, später kommt „Girl“ und die pubertäre Art der Entdeckung der weiblichen Seite (Rosa Perlen, Glimmer, Boys, First Kiss und so).
Indianer, Cowboys & Wild Wild West – Reiten konnte aber auch männlich sein, was ich jetzt nicht nur sage, weil ich das Wendy-Lesen kontrastieren will, nein nein.
Nun gut, ich nahm Reitunterricht an einem handelsüblichen Reiterhof, wie man ihn wohl an jeder Dorfecke findet, wo einem Bauer das Kühehüten zu langweilig wurde. „Das Glück der Erde, liegt auf dem Rücken der Pferde“ hängt wohl als Leitmotiv in jeden Reitervereinsheim. Bei einem Stockmaß von 1,50 cm und fröhlichem Longieren im Kreis in der Halle, fand ich erstmal kaum Glück, im Galopp sogar Angst. Irgendwann ließ ich es bleiben und spielte Fußball.
Der klassische Reiterhof besteht ja aus einer dominanten Hofherrin und einer riesigen Schar wuselnder Mädchen aller Altersklassen, die für eine handvoll lausiger Reitstunden, 3-4 Vollzeitstellen für Pferdepfleger ersetzen. Aber falls hier minderjährige männliche Teilnehmer der Single-Gesellschaft mitlesen: Das ist das Paradies. Da müsst ihr hin! Mehr Mädchen auf einem Haufen gibt es nicht!

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Als wir Familienzuwachs in Form von zwei Ponys bekamen, konnte ich nicht mehr allzu viel damit anfangen, denn ich war bereits in der BRAVO-Sport-Phase. Ab und zu – ich fühlte mich als Fütterdienstleister ausgenützt – ärgerte ich meine Schwestern (Ärgern – auch so ein Geschwisterding. Hach wie ich das vermisse!) und wollte auch auf „meinem“ Pferd sitzen. Es kam so wie es kommen musste, des Schicksals humorvollestes Augenzwinkern fiel auf mich – ich fiel auch. Vom Pferd. Nach ein, zwei launischen Galoppsprüngen desselben und prellte mir dabei die Schulter. Selber schuld, pochte der Schmerz. Danach saß ich leider nie wieder auf einem Pferd.
Die größte Überraschung bei anspruchlosen Tieren ist – so etwa beim AIBO – wenn die Batterie leer wird. Echte Tiere bringen echte Abenteuer und der Freiheitsdrang von einstmaligen Steppentieren ist nicht zu unterschätzen. So begab es sich an einem kühlen Herbstabend, dass sich unsere Ponys langweilten und beschlossen, einfch mal in die weite Welt zu ziehen. Unglücklicherweise lag meine eine Schwester krank im Bett, der Rest der Familie zeichnete sich durch physische Abwesenheit aus und nur mein Bruder und ich konnten die Verfolgung aufnehmen, er flinken Fußes, ich auf dem Drahtesel.
Nicht nur das Schicksal hatte Humor, unsere Ponys auch. Munter trabten sie mitten auf der Hauptstraße in die Richtung des 3km entfernten Nachbardorfes. Da ohne Halfter unhaltbar, radelte ich hilflos zwischen ihnen und flehte, fluchte, heulte und betete sie an, dass sie wohl anhalten würden.

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Hinter uns bildete sich eine Feierabendsverkehrschlange. Die entgegenkommenden Autos warteten gnädig auf dem Grassaum und eine Frau fragte, ob sie denn die Polizei anrufen dürfe. Stolz zückte sie ihr Handy (die Dinger waren damals gerade so funkelniegelnagelneu, da gabs noch nicht mal Klingeltöne). Ich sagte irgendwas, wahrscheinlich „ja“, aber ich war ja auch völlig außer Atem und der verbalen Kommunikation kaum fähig. Während das Pferd neben mir trabte, schien es zu lächeln. Ja, ich glaube wirklich, dass es sogar lachte. „Freiheit, kleiner Menschenmann, das ist Freiheit,“ wieherte es.
Die Ponys hielten schließlich im Nachbardorf bei ihren Artgenossen an und inspizierten deren Koppel, was deren Besitzer und uns half, ihnen ein Halfter anzulegen. Der Heimweg querfeldein war beschwerlich, aber zum Erzählen nicht weiter amüsant. Die Polizei musste ich noch überzeugen, dass alles in Ordnung wäre. Als wir erschöpft zu Hause ankamen, waren wir mächtig stolz auf uns.

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Wenn ich hier gerade so aus dem Nähkästchen plaudere, eine optische Sofortsympathie für gestiefelte Frauen ist mir wohl von der ganzen Reitergeschichte hängengeblieben.
Ich werde auch mal den Mut fassen (müssen), mich wieder auf ein Pferd zu schwingen. Querfeldein durch Wald und Wiesen galoppieren, das reizt immer noch. Wenn ihr hier also länger nichts von mir hören solltet, schickt bitte eine Postkarte, adressiert an den „Herrn Punkt Markus im Ortskrankenhaus“ und wünscht seinem gebrochenem Bein Genesung.

14 Kommentare

  1. Diesen Beitrag widme ich meinem Bruder. Möchte mich auch noch entschuldigen, dass ich das Fahrrad hatte und er laufen musste.

  2. Ach ist das schön geschrieben :-)

    Wie sagt man so schön: Na denn, Hals- und Beinbruch ;-)

  3. sv

    Ich wollte vor Jahren auch mal reiten. Das erste was ich lernte war, daß ein Pferd sehr groß ist und ich sehr klein. Von wegen so á la Cowboy und Indianer locker auf den Rücken schwingen: mein Fuß steckte also in diesem Steigbügel, mein Knie klemmte unter der Nase und nix war mit hochkommen. Letztlich bemühte ich eine nahe Bank, das ging dann aber sehr gut. Das Pferd ging dann mit mir auf dem Rücken eine Weile, bis es ein Büschel Gras interessanter fand. Bei der Gelegenheit zog es mich locker über den Hals und ich landete schmerzhaft im Staub. Tscha, selbst wenn ich galoppieren können wollte, stehen querfeldein ja nicht alle paar Meter Bänke herum ;-)

  4. Lotta

    Ach ja die Wendy…
    Ich war über lange Strecken meiner Kindheit und Frühjugend auch ein Teil der Reiterhof-Mädchen-Schar. Wir hatten genau einen Jungen, in den waren alle verliebt, obwohl er ein echter Kotzbrocken war. Der hat seinen Hengst immer elend geschunden und war ganz Muttis braver Leistungsbub. Irgendwann wurde mir der ganze Drill-Zirkus zuviel und ich schied aus dem Pferdemädchen-Dasein.
    Ich bin übrigens durchaus neidisch und latent fassungslos, dass du, werter Punkt Markus, ganz selbstverständlich vom „Familienzuwachs in Form von zwei Ponys“ schreibst. Was habe ich immer geträumt davon!
    Gibt’s die Ponys heute noch?
    Ansonsten sind die europäischen Reitgewohnheiten wie man sie auf großen Höfen pflegt, mit all dem Drill und Pferdegemarter ja eher zum Abgewöhnen. Gibt da aber ein paar entzückende PC-Spiele zu. :D

  5. Ich wollte vor Jahren auch mal reiten. Das erste was ich lernte war, daß ein Pferd sehr groß ist und ich sehr klein.

    Oh ja, hihi.

    Ansonsten sind die europäischen Reitgewohnheiten wie man sie auf großen Höfen pflegt, mit all dem Drill und Pferdegemarter ja eher zum Abgewöhnen.

    Allerdings, wollte ich eigentlich auch noch was zu schreiben, aber der Artikel wurde eh schon immer länger und die Nacht kürzer…

    „Gibt’s die Ponys heute noch?“

    Ja. Naja, ganz so selbstverständlich und einfach war der „Familienzuwachs übringen nicht, die Pferde fressen ja nicht nur Gras, sondern einem auch durchaus mal die Haare vom Kopf, die man sich vorher wegen ihnen gerauft hat ;)

  6. @malo: Hast du ein eigentlich geheimes Link-Archiv oder zauberst du solche Dinger wirklich aus einem so gut sortierten Gedächtnis? ;)

  7. Eigentlich kann ich mir gar nix merken, ich hab nur das komplette Internet auf einem Chip als Implantat in meinem Hirn. :D

    Nee, mal ernsthaft. In dem Beispiel war’s eine verschüttete Erinnerung an Fabus grandioses, aber leider verstorbenes Blog, die erst durch deinen Artikel rein assoziativ reanimiert wurde. Irgendwie denk ich manchmal, dass sich durch Hypertext mittelfristig auch die Denkstrukturen ändern. Ich find das aber nicht nur geil, weil es immer schwieriger wird, den Fokus zu halten. Ich weiß nicht, wie oft ich es schon erlebt habe, dass ich am Rechner Sache X machen wollte, beim Recherchieren aber bei Y landete um mich schließlich, sehr viel später, im Wikipedia-Artikel zu Z festzulesen.

  8. sv

    Oh, das kommt mir schwer bekannt vor, maloxp.

    Ich erwische mich manchmal oft schon dabei, in einer IRL-Unterhaltung mit Freunden, mit einem Link antworten zu wollen :)

  9. Fabu entdeckte ich leider erst kurz vor dem Begräbnis seines Blogs. Echt schade, der Junge ist die Eloquenz in Person.

  10. Pingback: .pünktchen im bus mit nobby nobbs, helge schneider und alfred e. neumann - blog.argwohnheim

  11. Körpergeruch

    Ihr habt ja echt schöne, lange Feldwege ohne viel Wald.

    Das mag ja stimmen, ist aber trotzdem kein Grund so einen dämlichen Spamkommentar hier abzusondern.
    .markus

  12. Herrschaften, „Körpergeruch“ ist ja wohl mal Nickname des Jahrtausends. Warum bin ich da nicht draufgekommen? Argh!

  13. Pingback: Das Leben ist kein Ponyhof. Eine Blogparade. | Ach komm, geh wech!

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