.manifest der langsamkeit

bahnhofstation

(Foto: Watzke/Lizenz )

Ich sitze hier.

Ich sitze hier – und das ist wesentlich, das Sitzen meine ich – einundzwanzig Jahre jung und strecke ihnen gemächlich – auch das ist wesentlich – meinen mentalen Mittelfinger entgegen.

Ich bin so herrlich jung, dass es manchmal weh tut – die Intensivität der Gefühlsverherrlichung die einen umtreibt all die Dinge zu machen, die man eben macht, wenn man jung ist.

Die Gesellschaftbrühe – also der extrahierte Konsens – schwimmt auf der Menschenmeinungssuppe und schlägt nur ab und an Wellen, wenn mal jemand reinpinkelt. Maändernd wabbert diese Suppe um einen rum und wie ein Kind muss man erstmal das Schwimmen lernen.

Ich wählte die Ruhe als Schwimmreifen und bekannte mich zur Langsamkeit. Ein Sturm der Empörung brandete mir entgegen und wollte meine Schwimmhilfe zerreissen.

Ich hätte gefälligst etwas zu lernen. Produktiv, volkswirtschaftstauglich und wachstumsorientiert. Einen Platz an der Sonne soll ich als Rendite erhalten, wenn ich etwas in mein Leben investiere. Je schneller, desto besser – bevor der Zug abfährt, ich alt krank werde und der Gesellschaft zu Last falle.

Mir gefällt es hier am Bahnsteig. Ich verkaufe Ansichtskarten und rede mit den Reisenden, die hier kurz Rast machen und dann weitereilen. Der Zug hat fünf Minuten Verspätung und überhaupt, schimpft die junge Frau neben mir.
Ich weiß gar nicht, wann mein Zug abfährt, sage ich ihr. Sie lacht mitleidig und affektiert. Ihre Weichen wurden schon gestellt.

Ich fahre Fahrrad und nehme vielleicht später ein paar Schotterpisten als Weg. Wenn man kein Ziel hat, kann man sich wunderschön treiben lassen und die Landschaft bestaunen. Mein Zugticket liegt noch zuhause, wird ja auch nicht schlecht. Wenn ich das Ziel weiß, dann kann ich ja immer noch mit der Bahn fahren.

1 Kommentar

  1. Auch ich jährte bereits zum 21. Mal, und muss gestehen, dass ich gleichsam weder eile noch haste, volkswirtschaftstauglich mich nahtlos einzugliedern ins Gefilde, welches man gemeinhin als funktionierende und selbsterhaltende Ökonomie verspottet. Beobachtungen haben unter anderem auch ergeben, dass unsere Generation länger braucht, bis sie endlich im Sinne der ordnungspolitischen Maxime produktiv sei. Und ebendieser Befund tröstet mich darüber hinweg, dass es auch bei mir noch ein bisschen dauert.

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