Gerne stelle ich mich großen Herausforderungen und gehe dann doch lieber mit Freud und Freund ein Käffchen trinken. So dressierte ich kein Zirkuspferd, entdeckte keine neue Gänseblümchenart und reformierte auch nicht das Fernsehprogramm. Mich fragt da keiner und wird da keiner fragen. Wenn mich aber da mal einer fragen würde, was ein sehr undenkbares, natürlich rein hypothetisches und gottseilobunddank vollkommen abwegiges Konstrukt ist, „lieber Herr Punkt Markus, was würden Sie denn gern an der aktuellen Fernsehlandschaft ändern„, ja dann würde ich mich von meiner Couch erheben und mit bedeutungsvoller Miene sagen: „Ich würde Blumen pflanzen“. Das wäre ein lustiger Satz. Natürlich auch metaphorisch und weil Fernsehlandschaftsgärtnerei so hübsch klingt.
Reden wir mal Tacheles. Das Fernsehprogramm ist das Wetter, der Spritpreis der Unterhaltung. Das erträgt man oder nicht. Ich habe mir eine in weiten Teilen friedliche Koexistenz angewöhnt. Sein und sein lassen. Dann und wann treibt es mich aber doch und ich empöre mich: Das darf doch alles nicht wahr sein! Erkübeln in wildesten Sätzen und Adjektiven möchte ich – oder mich aufs bequeme Sofa der ironischen Fernsehkritiker fläzen. Doch Vorsicht! Das Fernsehen ist selbstironisch. Es nimmt sich auf den Arm und wird dort von sich selbst gestreichelt und geneckt. Geheucheltes Desinteresse sabbert aus jedem ironischen Fernsehkritikerbeitrag. Was da auf der Couch zusammen reflektiert wird, das passt in keine Tonne, in die man am liebsten alles kloppen würde. Wenn sich Menschen auf schreckliche Weise im Fernsehen selbst entwürdigen, dann sitzt der Entwürdiger immer auf dem Sofa, da kann man noch so porentief ironisch sein – hilft gar nix.
Wenn man mich also fragen würde, „lieber Herr Punkt Markus, wie würden Sie denn gern das Fernsehprogramm ändern„, dann würde ich mich freuen und flugs und konstruktiv ein Spezialprogramm gestalten, das sich wirklich sehen lassen kann. Ich würde Blumen pflanzen, rein metaphorisch natürlich. Ästhetisch und humanistisch ist das Fernsehen eine Wüste, wo die Kultur nur in kleinen Oasen blüht. Doch der Rasen der Oase ist gewissenhaft gestutzt, die Blumen in Reih und Glied. Da lässt es sich nur noch gelangweilt schlendern, nur dann und wann kann man stehen bleiben und darf eine schöne Wildrose bewundern, wenn sie nicht vorher von Kultursnobs ausgeharkt wurde. Bildungsauftrag erfüllt, Zuschauer tot.
Man könnte alles anders machen, doch ich muss meine maßlose Selbstüberschätzung zugeben. Ich habe kein Patentrezept. Jedenfalls sollte man alle Moderatoren entlassen und die so genannten „Comedians“ zur Hölle jagen, denn nichts schmerzt mehr als ein gequälter Witz. Debattanten sollten lustige Tiermasken tragen und eine Diskussion wäre fantastisch versinnbildlicht. Eine hübsche – Metaphern sind hartnäckig – Wiese wäre auch eine hübsche Blumenwiese, mit Getier und Pflanzereien, die man mit O-Tönen aus dem Bundestag unterlegen würde. Manch müder Minister müsste munter meinen, „seht her, auch ich bin nur ein Künstler, die Politik – mein Tag und Brot ist hohe Kunst“. Ein selbstwertgefühlsgesteigerter Minister wäre eine Freude für die Gesellschaft und die für Blumenwiesen zuständigen Landschaftsgärtner. Das Hässliche müsste man nicht verneinen, das ungeschminkte Grauen soll auch weiter in den Bildern hausen und uns zeigen dürfen: Die Welt ist schlecht, aber fangt endlich an zu Gärtnern. Das Niedere, das Schreckliche und das Gemeine darf aber nicht zur Selbstdarstellung werden. „Seht her, ich bin nieder, schrecklich und gemein und dabei so ironisch“. Die niederträchtige Schadenfreude des Boulevards, an der wir uns ergötzen und berauschen, trägt sich durch die Spirale der Unterhaltungskonditionierung. Wer Weizen isst, wird Weizen säen und Weizen ernten. Ein Teufelskreis. Schwierig da mal mit Roggen anzufangen. Nachdem wir das Heldentum unehrenhaft entlassen haben – wofür man auch dankbar sein kann – suhlen wir Moralschweinepriester uns im Schlamm der menschlichen Abgründe und kratzen freudig am Blattgold der ungeliebten Gottheiten, die wir aus unserer Mitte erschaffen haben, um sie johlend wieder vom Thron stürzen zu können.
Ich wurde da nicht gefragt und werde da nicht gefragt werden, da können alle – und doppelt dreifach ich – dankbar sein. Aber würde ich da mal gefragt werden, „lieber Herr Punkt Markus, wie würden Sie denn gern das Fernsehen revolutionieren„, dann würde ich sagen: Die Fernsehlandschaftsgärtnerei sagt mir nicht zu, soll jeder doch auf seiner Wiese Unkraut jäten.
„Ich würde Blumen pflanzen.“ Mein Reden.
Insofern: Schön, schön!
So wahr, so hell Dein Text. Und ebenfalls wahr ist die Geschichte meines Großvaters, der dem häuslichen Wellensittich zur Freude der Verwandschaft ein paar Sätze zu sprechen beibrachte:
„Sittich, was ist im Fernsehen?“
„Scheiße ist im Fernsehen.“
Und wir saßen auf dem Sofa, lachten herzerfrischt und Großmutter schummelte ein kleinwenig beim Kartenspiel, daß uns Heranwachsenden zusätzlich etwas Taschengeld zukam, denn Großvater war, mehr noch im Skat-Spiel als bei 1001 und Mau-Mau, nicht zu schlagen. Und zwischendurch stellte er Sittich immer wieder die Frage: „Sittich,…“
Während in einem normalen Garten das Unkraut ausgerottet wird, hat es sich das Fernsehen zur Aufgabe gemacht, den Blumen den Garaus gemacht. Don Quixote ist gegen Sie ein Erfolsmensch, Verehrter