Kapitale Fehler

Eine Kuh betritt stürmisch und offensichtlich in Eile einen kleinen Lebensmittelladen und sagt „Ich möchte gerne ein Ei kaufen“. Der Verkäufer sagt: „Einen Augenblick bitte, das Huhn war zuerst da“. So endet die Fabel.
Was lernen wir daraus? Nichts. Keinen Sinn, keine Moral, keinen Zusammenhang – es klingt aber lustig. Ungewollt belustigend, durch den großen Verbreitungsgrad aber eher schmerzlich, die Kapitalismuskritik und die Kritik der Kapitalismuskritik tönt in den Feuilletons ähnlich. Einerseits freudige Totengesänge auf den Beerdigungstrauerlichkeiten, mit Häme werden die Sargdeckel aufgeklappt und die Spaten geschärft. Auf der anderen Seite findet man Monty Pythoneske „Er ist noch gar nicht tot, es geht ihm schon viel besser“- Rufe, die den Movern und Shakern der Finanzkrise die Hand schütteln und bewegte Postulate verfassen. Im Chor der Postulanten singt auch Josef Joffe in der ZEIT gegen den Zeitgeist „Nieder mit dem Kapitalismus“. Doch der steinige Weg der Beweisführung ist gepflastert mit willkürlichen Fakten.

…Der fabelhafte Reichtum der modernen Welt lässt sich vom Kapitalismus ebenso wenig trennen wie die Demokratie. Arme Gesellschaften sind selten demokratisch, und reiche sind selten autoritär (Ausnahmen heute: Russland oder Arabien, wo die Bodenschätze Staatseigentum sind). Welche Rechte hatte denn der Knecht im Feudalismus, der Proletarier im Ständestaat? Was war denn demokratisch am Sowjetsystem, wo nicht der Mensch mit dem Rubel, sondern der Kommissar mit der Knute bestimmte, was zu produzieren sei?…

Womit wir wieder beim Faubulieren wären. Man kann den Kapitalismus als Sieger nach Punkten erklären, wenn man ihn mit Leibeigenschaft und der Unterdrückung im Sowjetsystem vergleicht. Doch das Abarbeiten am Rechts-Links-Schema ist nur dann sinnvoll, wenn man beweisen will, dass der Kapitalismus den bisherigen „gescheiterten Gesellschaftsmodellen“ wie dem Sozialismus sowjetischer Ausprägung überlegen war.

Ich selber bin durch den Kapitalismus privilegiert. Mir geht es hier gut. Ich könnte zwar alle meine Ersparnisse nach einem Einkaufsbummel im örtlichen Discounter in einem Einkaufswagen nach Hause bringen, doch die Umstände, in denen ich hier lebe, ermöglichen mir ein materiell relativ sorgenfreies Überleben in Wohlstand. Das gilt für mich. Für die meisten von uns und für Herrn Joffe. Wie kommt man aber darauf, den Status Quo des Kapitalismus als voll funktionsfähiges Gesellschaftsmodell zu feiern? Nur, indem man seine Gewinner mit den Verlierern anderer Systeme vergleicht, den Apfelbaum mit dem Apfelbutzen, den kleinen Sojwetarbeiter mit dem Einfamilienhausbesitzer. Wie lautet das wirtschaftliche Mantra unseres eigentlichen Zeitgeistes? Globalisierung. „Man muss das global sehen“, sagt man und das sage ich auch. Heute hängt alles mit allem zusammen. Wenn hier eine Frau mit den Wimpern schlägt, bricht in Südamerika ein Kriegsturm aus. Das ist keine Chaostheorie, sondern die Auswirkung unseres real existierenden Kapitalismus, der weit hinter seinen Idealen geblieben ist. Dessen Vertreter die Freiheit einseitig in Anspruch nehmen wollen, gleichzeitig aber über staatliche Subventionen und Handelsabkommen – etwa durch die EU – nur eine Wohlstandsinsel schaffen können. Die armen Bewohner des Verliererkontinentes versuchen verzweifelt mit morschen Booten auf diese Insel zu kommen, im übertragenen und im wörtlichen Sinne.
Auch wenn man kein „Weltverbesserer“ ist, sollte man sich bewusst machen, dass etwa mehr als eine Milliarde Menschen nicht einmal Zugang zu sauberem Trinkwasser hat und Firmen wie Nestlé den Wassermarkt in Entwicklungsländern monopolisieren. Prost. Mal ehrlich, solche Firmen haben ihr soziales Gewissen in die Marketingabteilung ausgelagert und wer ernsthaft glaubt, dass die völlige Liberalisierung der (Finanz-)märkte zum Wohle aller sei, dem kann ich ein Sozialpraktikum in einem von unserer Wirtschaftsdiktatur zerrütteten Land empfehlen. Firmen sind weder gut noch böse, sie sind profitorientiert und nicht sozial. Das ist ihre Natur. Aber aus realen Gewinnen realer Produkte wird ein perverses Glücksspiel gemacht. Losgelöst von „echten“ Werten wird mit dem potentiellen Gewinn potentieller anderer Gewinne, die mit geliehenem Geld anderer Anleihen, dass verzinst wurde, spekuliert – vereinfacht gesagt. Dass damit die Raffgier asozialer Arschlöcher reale Massenentlassungen, Hungersnöte und Kriege auslösen können, dafür danke ich dir, Weltwirtschaftssystem.

Nein, den Kapitalismus muss man nicht immer am Sozialismus messen, sondern an den Opfern die bringen muss und an die Segnungen und Möglichkeiten, die er nach humaner Sozialisierung mit sich bringen könnte. Weitergehen, sage ich, hier gibt es zwar schon was zu sehen, aber das reicht nicht – und das hier ist nicht der moralische Zeige-, sondern der moralische Mittelfinger.

15 Kommentare

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  2. @Martina:

    Namen sind Schall und Rauch. Es ist doch im Grunde egal, wie man’s nach erfolgreicher Reformierung nennt. Die Frage, die ich viel wichtiger finde, ist: Wer soll das gegenwärtige marode Weltwirtschaftssystem reformieren und wie? Meiner Einschätzung nach haben die demokratischen Regulierungssysteme der reichen Industriestaaten versagt, denn deren Vertreter stecken allesamt im Lobby-Filz des Konzernimperialismus fest. Und durch Wahlen kriegen wir sie da auch nicht wieder raus.

  3. Iris, ich frage mich, ob wir nicht erstmal darüber nachdenken sollten, ob es sich überhaupt lohnt, dieses marode Wirtschaftssystem wieder aufzurichten, damit die selben Blender aus den Vortagen bzw. ihre Clone irgendwie wieder den selben Mist fabrizieren. Egal wie, jedes Regierungssystem hat bislang versagt, wenn es darum ging, Korruption und Gier auf dem Markt zu kontrollieren. Und darin, wie schon in dem Text oben angeschnitten, unterscheidet sich der Kapitalismus so gut wie überhaupt nicht vom Sozialismus.

    Wahrscheinlich wird eine Chance darin bestehen, die Öffentlichkeit vermehrt aufzuklären, ihr die Möglichkeiten zu geben, auch andere Sichtweisen eines Vorganges zu erfahren.

    Ich glaube wirklich, dass wir nur über eine gute und auch ehrliche Aufklärung, die aber auch Raum für eigene Fehlergeständnisse lassen muss!!!, auf manipulative Aktionen aufmerksam machen können und sollten. Je informierter die Masse ist, umso kritischer wird sie auch manche Prozesse hinterfragen und nicht mehr lemminghaft den politischen Führern hinterherdackeln.

    Im Augenblick bin ich zu müde, als dass ich noch tiefgründig nachdenken könnte… :o

  4. @Martina:

    ich frage mich, ob wir nicht erstmal darüber nachdenken sollten, ob es sich überhaupt lohnt, dieses marode Wirtschaftssystem wieder aufzurichten.

    Den gegenwärtigen Scherbenhaufen bloß reparieren, hatte ich nicht im Sinn. Aber ich bezweifle, dass wir ganz ohne irgendein Wirtschaftsystem auskommen ;o). Die globalen Produktions- und Handelsbedingungen stellen ja ein System (Rahmenbedingungen) dar – egal wie und ob das staatlich geregelt bzw. von den Beteiligten ausgehandelt wird, oder?

    Je informierter die Masse ist, umso kritischer wird sie auch manche Prozesse hinterfragen und nicht mehr lemminghaft den politischen Führern hinterherdackeln.

    Ja und dann? Was soll die Masse denn dann machen, wenn sie darüber aufgeklärt ist, was im kapitalistischen Wirtschaftssystem falsch läuft?

  5. Zur Frage was wir dagegen tun können:
    Mit den Füßen abstimmen.

    Ich glaube nicht das man an dem System irgendetwas verändern kann, solange man Teil davon ist. Und das ist man, mit fast jeden Job und mit jeden Einkauf im Supermarkt.
    Also muss man dem System zumindest das Kapital über das man selbst verfügt entziehen. Also Konsumenthaltung, und bestenfalls eben sogar Auswanderung, also „Transfer des Humankapitals“ (ja, ich mag diesen Ausdruck auch nicht).

    Wohin? – In Südamerika sehe ich momentan Versuche den Kapitalismus stärker „in den Dienst des Menschen“ zu stellen. Aber darüber kann man sicher streiten.

  6. Genau so ist es.

    Ein Grundeinkommen für alle (und das sehe ich auch oder gerade global) wäre ein, schwierig durchzusetzender, aber bestimmt notwendiger Schritt in eine utopische Zukunft in der Marktmechanismen wie z.B. der Zwang zur Lohnarbeit nicht mehr über das Leben eines Menschen entscheiden.

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