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Ohne Titel

Ich sollte mal wieder einen Baum fällen.

Einen Baum fällen, ist wie einen Baum pflanzen. Für Ungeduldige. Sollte man einmal im Leben gemacht haben. Vielleicht auch einmal im Jahr. Immer begeisterungsfähig bleiben, sage ich mir. Das ist leicht mit einer Axt, sage ich mir. Weil ich ansonsten nur in einem Blätterwald lebe.

Wie die Faust aufs Auge des Hais

Gerne würde ich mein erworbenes Lexikon-Wissen in die Tat umsetzen, böte sich mir eine Gelegenheit. Das Leben ist eine Schule und auch ich drücke die harte Bank der Wissensgesellschaft. Die eine oder andere Lektion verstaubt jedoch ungenutzt zwischen den Synapsen und verkümmert hinter den heute brauchbaren Kulturtechniken, wie etwa der Jpeg-Komprimierung und der PDF-Konvertierung. Ich weiß aber ebenso, wie man ohne Streichholz, Feuerzeug und Schneidbrenner Feuer im Wald machen kann. Wie man einen Haiangriff abwehrt, weiß ich auch.

Lieber Herrpunkt, da sei aber mal bitte froh, dass das ja theoretisch bleiben wird.

Lieber konstruierter Gesprächspartner, klar bin ich das. Jedoch zwickt bisweilen in diesem fetten Wohlstandsarsch hier der Wunsch, „mal wieder“ ein gefahrenvolles Abenteuer zu bestehen. Von Angesicht zu Angesicht mit einer wilden Bestie seinen Mann zu stehen.
Wenn ich des Nachts in meinem Kämmerlein bei Funzel und Füllfederhalter dasitze, die Rechnungen aus der Ablage nehme und seufzend wieder zurücklege, erträume ich mir aus der darbenden Zimmerpflanze einen wilden, blühenden Dschungel. Mit Tigern mit Streifen mit Fauchen im Farn. In der Ferne höre ich eine Trommel. Zwischen den Urwaldriesen erschnuppere ich den Geruch eines Feuers. Menschen! Lautlos schleiche ich mich an und… schlitze die 1. Mahnung DIN-gerecht auf.

Auch wenn mein Intellekt teilzeitlich wie meine Zimmerpflanze im Winter verkümmert, meine ich doch in letzter Zeit irgendwo gelesen zu haben, dass Schopenhauer irgendwie meinte, dass die Menschen zwischen den Übeln Not und Langweile pendeln. Wir als Wohlstandsgesellschaft schlagen da natürlich steil in Richtung Langweile aus. Verifizier ich dir, Alter! Friss das Fernsehprogramm als Beweis!
Auch Michael Crichton, Autor von Jurassic Park und sonst nicht unbedingt der Philiosophie verdächtig, bringt das in Timelime schön auf den Punkt, in dem er eine Figur etwas sagen lässt, das ich hier sinngemäß wiedergebe: Die Not des Menschens im 21. Jahrhundert wird die Langweile sein.
Ich setze mich ins gemachte Gedankennest und lasse das mal so stehen.

Um zur derzeitigen, wirklichen Not des Menschen zu kommen. Es tobt gerade eine fürchterliche Debatte, die erschreckende Geisteshaltungen zum Vorschein bringt. Speerspitze der Diskussion ist unser allseits beliebter (Ironie!) Außenminister (Ironie der Demokratie!) Guido Westerwelle, der die Hartz-IV-Sätze für zu hoch hält.
Erschreckend ist, wie pauschalisiert diese Debatte vonstatten geht. Die überladene Begrifflichkeit „Hartz-IV-Empfänger“ wird mit allerlei Zahlen in den Kampf Wirtschaftlichkeit gegen Sozialstaat geschickt. Ich schwanke zwischen Wut, Betroffenheit und Trauer, welche Maßstäbe da an die Würde des Menschen gelegt werden. Ich selber bin nicht hilfsbedürftig, jedoch aufgrund meiner persönlichen Ausbildung derzeit etwas unterfinanziert. Formulare, Anträge und Gesuche kenne ich inzwischen gut und kann mir vorstellen, welchen Frust es bringt und was für eine Erniedrigung so ein von Behörden Gnaden abhängiges Leben sein muss. Ich weiß, dass auf einen Schmarotzer zehn Menschenschicksale kommen, auf einen Abzocker zehn Menschen, die in unserer Arbeitsgesellschaft nie einen Platz finden können, weil es in unserer Gesellschaft keinen Platz für diese Menschen gibt.
Ich frage mich, ob man den Menschen in den Politiker reinprügeln, oder den Politiker aus dem Menschen herausprügeln sollte.
Einem echten Hai jedenfalls könnte man zu Abwehr jedenfalls ordentlich die Fresse polieren. Aber Vorsicht! Denn was Sie jetzt unbedingt wissen sollten: Einen Haiangriff wehrt man übrigens damit ab, dass man dem Hai auf die Augen oder die Kiemen schlägt. Die Schnauze ist da wohl die schlechtere Wahl, sagen Fachleute, die sich mit solchen Themen herumschlagen müssen. Ich selber bin eher der etwas ängstlichere Typ und würde wohl kaum fröhlich „Hallo“ zu einem Hai sagen.

Was Sie aber jetzt noch erfahren sollten: Diesen Beitrag habe ich exklusiv im Stehen verfasst, weil mir der Rücken etwas weh tut vom vielen Sitzen heute.

Der kleine Mann

Der kleine Mann ging endlich auf die Straße. Die ging er dann so entlang. Wird sich ja doch nichts ändern, sagte er halblaut vor sich hin und betrachtete missmutig Plakate verblichener Versprechen. Ein Butterbrot, das wär doch jetzt was. Da weiß man, was man hat.

Warum ich kein Eiskunstläufer geworden bin

Warum ich damals kein Eiskunstläufer geworden bin, ist eine lange Geschichte, die mit meiner Geburt beginnt und vorläufig damit endet, dass ich jetzt hier sitze und diese Zeilen schreibe, ohne Eiskunstläufer zu sein. Die Verkettung von Umständen, Situationen und Entscheidungen im eigenen Leben führen manchmal zu seltsamen Ereignissen.
Ha, was für ein Zufall, sagt man gerne, wenn man sich unerwartet an Orten trifft. Hätte der scheiß Schmetterling doch mit seinen Flügeln geschlagen, denkt man dann, wenn man die Sympathie zu dieser Person eher mit deren Abwesenheit verbindet. Zufälle trifft man aber überall. Mit ein oder zwei bin ich auch mal ein Bier trinken gewesen.

In meinen jüngeren Jahren las ich bisweilen gerne Bücher, die meinen Horizont überstiegen – ich kaute daran, wie ein Vegetarier an einem Stück Fleisch, mit der Hoffnung, dass ihm dieses deswegen schmecken möge. Viel von den Büchern ist natürlich nicht geblieben, außer vielleicht einem „habe ich mal gelesen“. Zu einem dieser Bücher gehörte Arnolds Stadler „Ein hinreissender Schrotthändler“, vielleicht war es auch ein anderes Werk von ihm. Der Autor war mir schon allein geografisch sympathisch, da sein Heimatdorf dem Dorf meiner Jugend nur wenige Kilometer entfernt war. Zudem nimmt er das Landleben so schön auf die spitze Feder und wer abseits städtischer Sozialstrukturen aufwuchs, weiß wie die Kirche im Dorf blieb. Während ich damals beifahrend im Auto saß und so in diesem Buch herumlas, wurden plötzlich ein Ort und ein Haus namentlich erwähnt, die in genau diesem Augenblick auch an der Autofensterscheibe vorbeizogen. Potzblitz – hätte ich sicher gedacht, wenn ich dieses Wort schon damals dem passiven Wortschatz entrissen hätte – Zufälle gibt’s.

Weil auch sonst so viele Dinge passieren, Personen vorbeiziehen und Tage verstreichen, sollte man vielleicht mal einfach kurz anhalten, sich hinsetzen und nachdenken. Was keineswegs einfach ist, denn der Mensch ist ein komischer Mensch. Die Betrachtungen von Hautunreinheiten morgens im Spiegel dürften zeitlich gemessen die Nachdenkphasen der Selbstreflexion übersteigen. Was wiederum auch Vorteile hat. Gewisse Hautflecken, gedanklich mit Linien verbunden, ergeben hin und wieder mehr Sinn, als diese verdammte Grübelei, die gestrige Gedanken und Gefühle käut und wiederkäut. Die Denkkuh mit vier Gehirnen: Mensch. Selbstbetrachtungen, sofern sie nicht vor dem Spiegel passieren, gehören zu den Dingen, gegen die man sich eben manchmal auch durchaus mit Humor wappnen sollte, damit man einen fiesen Gedanken, der sich einschleichen will, mit einem Lachen erschlagen kann.

„Was wäre wenn“, und wenn man noch jung ist, der noch gemeinere Zwillingsbruder, „was wird wenn“, sind hungrige Begleiter, die einen allzu oft nur zerfressen. Wie Sehnsucht. Die Sehnsucht ernährt nicht, die Sehnsucht verzehrt dich.

Ach ja. Warum ich damals kein Eiskunstläufer geworden bin: Warum hätte ich auch sollen?