Alle Artikel in der Kategorie “Gesellschaft

Here we are now. Entertain us

Der Überdruß, der aus freier Zeit Langeweile gemacht hat, eine Not eine Armut, die es zu beseitigen, zu unterhalten gilt. Für jeden Moment das passende Produkt. Es ist nicht das Niveau einer Fernsehsendung, nicht das Thema eines Artikels, nicht die Werbung einer Spielkonsole. Es ist nicht das Zahnrad. Es ist die Maschine.

Heimfahrt

Was einem auch manchmal entrückt vorkommt, in den Häusern sitzen Menschen und haben sich ein Leben gebaut. Lebensentwürfe gebastelt. Hier und da einen Baum gepflanzt. Ein Auto in die Garage geparkt. So fährt man über die verschneite Dörflichkeit des Landes und denkt sich so seinen Teil und manchmal ein Ganzes. Das Radio ist aus, weil es keines gibt, der Motor dröhnt monoton. Zur weißen Heimeligkeit der Winternacht steht eine umzäunte Schafherde auf der Wiese und frisst Schnee. So sieht es zumindest aus. Sie grast und löst sich langsam im Weiß auf.
Das war mal Land. Und wem die Natur gefällt, dem sind manche Häuser fremd geworden. Aus den Tempeln der Einfamilienwohnglücke dämmert das Licht aus Doppelglasfenstern, Schornsteine ragen rauchlos in die Silhouette der Nacht.
The modern life. Irgendwie kreist so manches Gespräch um die Wirtschaftskrise, die doch eine Gesellschaftsproblematik ist. Es schwingt leise die Sehnsucht nach einer anderen Zeit, nach dem Beginn einer anderen Welt. Man hat schon Idealismus gefressen, gekaut und wieder ausgekotzt. Gemerkt, dass man das System nicht ficken kann, ohne selbst gefickt zu werden. Man ist doch jung und hat ein eigenes Leben. Das Steinewerfen macht nur Fenster kaputt und zerbeult Autos.
Es ist kein Leichtes gegen Unterdrückung zu kämpfen, die einem selbst Wohlstand verschafft, die einen in Sicherheit wiegt und im Konsum einlullt. Daneben Ungerechtigkeit, die gesellschaftliche Kausalität, die neben Gewinnern auch Verlierer braucht. Ein System, dass niemals sein Versprechen einlösen kann. Ein Gesellschaftspiel, dass von den Spielern Angst und Gier verlangt. Die Suggestion, dass einen das alles gerade nichts angeht, aber…

…irgendwann, irgendwo der Aufbruch kommt.

Im Fernsehen redete ein Mann

Television

Im Fernsehen redete ein Mann News. Nachrichten-Karaoke vom Teleprompter. Einzelne, wenige Widerstandskämpfer hatten sich aus dem Haar gelöst und standen steilvortretend für die anderen auf. Aufstand in Drei-Wetter-Taft-Land. Die Gesichtsmaske blinzelte arythmisch aber fortwährend und nur für einen kurzen Moment tanzte eine Augenbraue aus der Reihe. Die Worte pendelten auf dem schmalen Grat zwischen Beobachtung und Gleichgültigkeit. Der Mund stanzte ein Wort nach dem anderen wohlartikuliert aus und verband sie zu einer gleichförmigen Sprachmelodie. Der Singsang der Gesellschaft. Bilder zeigten Bilder. Zeigten einen Mann reden. Menschen jubeln. Zahlen rein- und rausfließen. Buchstaben umherwandern.
Ein Medikament präsentierte das Wetter, das wirbelnd über eine Landkarte zog, gejagt vom Zeigefinger einer Frau. Mildes Lächeln präsentierte eine gestreifte Bluse. Gestreifte Bluse präsentierte ein mildes Lächeln. Eine Bank präsentierte sich. Zerklüftet von weißen Zacken thronte die schwarze Anzeigetafel. Eine Brille, ein blaues Hemd, karierte Krawatte und ein Mikrofon verliehen dem Mensch davor Gewicht, keine Würde.

Im Fernsehen redete ein Mann – die Worte habe ich vergessen

(Bildvorlage: dailyinvention)

Der Fortschritt hat uns Fackeln und Forken genommen

Die Börse: Ein Fernsehpreis, der mit 500 Milliarden dotiert ist, wird von Jörg Haider abgelehnt. Die Finanzkrise stirbt mit überhöhter Geschwindigkeit bei einem Autounfall. Das Rettungspaket wird in der ARD feierlich vom Sprecher des Magnaten überreicht, der die Wunden der Banken mit Arbeitnehmerverbänden verbindet. Das Wetter: Heiter bis wolkig. Höchstwerte bis 18 Grad. Morgen gehe ich spazieren. Vielleicht esse ich einen Apfel. Es ist ja gerade Apfelernte. Da gibt’s die frisch von den Bäumen – kleinen Reihenbäumen, auf Apfelertrag maximiert, nicht hoch genug für Banker. Die Bäume verlieren langsam ihre Blätter, Blätter langsam ihren Wert, steigen dann zur Sonne empor und stürzen brennend auf die Erde zurück. Feuerwehrleute löschen und stiefeln mit wichtigen Mienen über den verbrannten Boden. Im Nebel sieht man nur vage Umrisse. Ein Auto fährt mit überhöhter Geschwindigkeit eine Straße entlang. Im Fernsehen wird ein Finanzpreis verliehen. Im Herbst pflücken polnische Helferhände 500 Milliarden Äpfel. Jörg Haider wird keinen Apfel mehr essen, auch wenn er nicht weit vom Stamm gefallen ist. Apfelbäckchen hat ein Mädchen, dass den Arbeitgeberverbänden die Wunden verbindet. An Börsen feiern sie die Hilfspakete des Roten Finanzkreuzes und ein Dachs schnellt plötzlich in die Höhe, als ein Auto mit überhöhter Geschwindigkeit im Nebel die Straße entlang fährt…