Anlässlich
30. Juli 2008 - 16:50 Uhr
~ Augenblickpunkte ~
Eine Vorgeschichte der Odysse, die in losen Folgen fort- oder (eben wie hier auch) zurückgesetzt wird.
Folge I – Odyssee
Folge II – Professor Zweiholtz
In Islamabad hatten wir Yusef kennen gelernt, einen beflissenen kleinen Mann – sanftmütig, wenn man nicht gerade über amerikanische Außenpolitik diskutieren wollte. Yusef hatte uns, drei Nichtsnutze auf Welt- und Teilzeitreise, als qualifizierte Jungingenieure beim Hofe des Lokalmonarchen vorgestellt und so flanierten wir über das sultanliche Sommerfest. Häppchen und Wetterfloskeln meisterten wir elegant. Yusef dolmetschte und stolz zitterte sein Bart vor lauter Reputationsfreude. Ehe wir uns es versahen, hatte Yusef seine “gelehrten jungen Freunde aus dem fernen Westen” in eine interessante Situation gedolmetscht.
Wir wurden in einen Raum geführt, der von einem Dutzend hellebardierter Wächter gesäumt war, von denen sich die Schweizer Gardisten noch hätten Schneid abkaufen können. Sultan Mahmud Ibn Irgendwas (entschuldigt das bitte, ich besitze ein schreckliches Namensgedächtnis) wies auf die Mitte des Raumes. Wir alle starrten auf einen hübsch gemusterten, leicht durchgetretenen Teppich.
“Das ist ein Teppich”, sagte Daniel. Yusef übersetzte. Der Sultan (ich nenne ihn jetzt nur noch Sultan, das macht es einfacher) nickte.
“Er fliegt nicht”, erfuhren wir über Yusef.
“Er fliegt nicht?” Wir fragten ungläubig nach. Warum sollte er auch fliegen? Eine exquisite Vorstellung orientalischen Humors? Man nahm uns gerade gewaltig auf den Arm. Haha! Pflichtschuldig brachen wir in Gelächter aus. Der Sultan lächelte, scheinbar erleichtert.
“Ihr dürft lachen, fremde Freunde. Ihr scheint das Problem einfach beheben zu können. Sehr schön.”
Plötzlich reifte eine harte Erkenntnis und unsere Gesichter röteten sich wie preisgekrönte Tomaten am Internationalen Roten Welttomatentag. Die meinten das ernst. Unser Lachen war ein seltsames Missverständnis, dass uns gerade das Leben gerettet hatte, es uns aber auch gleich wieder kosten konnte.
“Die zentrifugale Levitation ist beschädigt. Das dauert nur ein paar Tage mit dem richtigen Werkzeug”, improvisierte ich geistesgegenwärtig. Wie Yusef das übersetzt hat, weiß ich nicht. Man lächelte uns nun allgemein freudig an und Sultan Mahmud Ibn Mahmud (ha, jetzt fällt mir der Name wieder ein) gab seinen Untergebenen kurze Befehle. Ein Diener zeigte uns unsere Gemächer, in denen wir den Staub der letzten Tage in der Wüste endgültig loswurden. Die feudale Blubberbadewanne war aber nicht gerade hilfreich beim Nachdenken.
Wir saßen verdammt dick in der Patsche. Das sagte ich. In der Scheiße. Das sagte Daniel. Bennit blubberte in unbekümmertem Gottesvertrauen und spielte mit einem quietschgrünen Plastikfrosch, der später noch eine wichtige Rolle spielen sollte.
“Yusef. Du Sohn eines Kamels, das die Tochter einer Eselin, deren Vater ein Spatzenhirn ist”. Daniel, sonst eher wortkarg, erblühte in wilden orientalischen Flüchen, als unser Freund das Zimmer betrat.
“Entschuldigt tausendmal”. Yusef grinste verlegen, wie ein Elefant, nachdem er den Porzellanladen verlassen hat. “Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch. Welche wollt ihr zuerst hören?” Wir stimmten ab. Drei Wahlberechtigte. Drei gültige Stimmen. Keine Enthaltungen. “Die Schlechte zuerst”, sagte Daniel der die Wortführung übernommen hatte.
“Die Tochter des Sultans hat euch zum Abendessen eingeladen”.
“Ist sie denn hübsch?” Blubberte Bennit interessiert zwischen Seifenblasen und Rosenblättern.
“Oh ja. Sie soll sehr hübsch sein und… ähm… sehr gefährlich“.
Wir führten ein intensives Männergespräch mittels drei kurzen Blicken und lachten herzlich, was im Angesicht des Todes deutlich mehr Spaß macht, als man später zugeben würde.
“Dann die gute Nachricht Yusef”.
“Ihr habt noch ganze vier Tage bis zur großen Parade, dann muss der Teppich repariert sein”.
Ein nicht fliegender Teppich, die hübsche Tochter des Sultans, ein quietschgrüner Plastikfrosch und der Rest der Episode in Bälde.
Selten schrieb ich in letzter Zeit über das Bloggen. Aus gutem Grund. Für die meisten Leser dürfte interessanter sein, dass ich beim Verfassen dieses Beitrages eine ganze Packung Pistazien knackte und drei Gläser Orangensaft – gemischt mit Wasser im Verhältnis 2/3 – trank. Nach einer Phase der Emanzipation, in der ich mich aus dem Zirkus der Aufmerksamkeit verabschiedete, um fortan kleine, aber eigene Brötchen zu backen, wurde ich stiller Betrachter der als medialer Nebel im Netz wabbernden, sogenannten “Blogosphäre”.
Während die Fahrradfahrer sich inzwischen recht gut daran gewöhnt haben, dass sie einfach Fahrrad fahren, scheint es das Grundbedürfnis einiger bloggender Menschen zu sein, sich selbst immer wieder der leidenschaftlichen Diskussion zu stellen, was Blogs sind und vor allem was nicht. Beliebt sind hier die Begriffe “Relevanz” und “Substanz”, die man, um ernstgenommen zu werden allerdings nur noch in einem ironischen Kontext verwenden darf. Ausgenommen natürlich, wenn man sich im Meeting mit einem Werbepartner befindet.
Es ist lustig. Wenn man sich mehr als zwei Jahre mit einem so jungen Medium beschäftigt, ist man schnell ein alter Hase. Zumindest fühlt es sich so an, wenn jedes Quartal die selbe Diskussionen der selben Diskutaten abläuft. Etwa der ewige Krieg “Blogger vs. Journalisten” wirkt wie ein Boxkampf über fünfhundert Runden, in dem sich die Boxer nur noch aus ihrer Ringecke beschimpfen und bespucken. Eine überall so senfig angereicherte Diskussion, dass man die Wurst kaum mehr sieht, um die es geht. Wenn es denn überhaupt mal eine gab. Und hier gibt’s grad noch ein bisschen Ketchup drauf.